Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Januar 1940 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
Dahlem, den 15.I.40.
Mein innig Geliebtes!
Es ist mir eine große Befreiung, daß Deine nie endende Güte mich auch diesmal trotz meines schlimmen Streiches entlastet hat. Glaube mir aber, daß ich trotzdem mit ganzer verdienter Schwere empfunden habe, was ich "in meinem Tran" (kein Lebertran) angerichtet habe. Um bei dem materiellen Thema zu bleiben: Es ist zu unterscheiden: Einkommensteuer und Vermögenssteuer. In beiden Hinsichten kommst Du bestimmt nicht über die Grenze. Wohl aber könnte von Schenkungssteuer die Rede sein. Diesen Umstand wollen wir uns nicht machen. Denn die Meininger sind nur vorläufige Investition von Zuschüssen zu Deinem Lebensunterhalt, die in monatlichen Raten gemacht werden. Damit wollen wir das als erledigt betrachten. Die Stücke sind eingetroffen und kommen zu dem übrigen, was ich so unaufmerksam behandelt habe, aber vollständig vorhanden ist.
[2]
|
Wenn ich alles zusammenrechne, bin ich 5 Monate im Jahr ein wasserschnaubender Neptun. Dazu kommt noch eine Halsreizung rechts, die nicht ganz weichen will. Auch sie hängt mit den Segnungen der Zeit teilweise zusammen. Denn das Braunzeug, das jetzt geraucht wird, ist nicht einmal mehr ein pfälzisches Kartoffelfeuer.
Wir sind erleichtert, daß seit gestern die Temperatur über Null liegt. 14 Tage lang blieb es oben bei 8-9°. Ich mußte unten arbeiten, bei z. T. geschlossenen Läden, und um jedes Buch nach oben laufen. Jeder Besuch fror auch (so der Garnisonpfarrer von Warschau, ein sehender Mann.)
Ich habe in dieser Woche ein neues Trimester begonnen, die philos. Vorlesung mit etwa 120, die päd. mit 80 und mehr (über alles Erwarten), das Seminar bisher mit 20. Das sind ganz ungeheure Zahlen. Denn alles flieht die Stätte der Aussichtslosigkeit. In der Anatomie aber sind 1200 - die dann zunächst militärfrei sind.
[3]
|
Die Begegnung mit dem Marineschwager vor 8 Tagen verlief bei gegenseitiger Scheu passabel. Es ist erstaunlich, wie dieser Typ von Susanne abweicht. Unsinn Erbgut? Die beiden Schwestern wetteifern in liebevoller, mühevoller Versorgung unsres kleinen Betriebs mit allen guten Dingen. "Da muß ich denn aber doch sagen", wenn Du noch einmal Fleischmarken schickst, wird es ein heiliges Winterdonnerwetter geben. Du sollst Dir dafür anschaffen, was zu haben ist, und Dein Bromural kann mich garnicht trösten. Dies ist ein ernstes Wort. Prof. Najdanowić in Belgrad sandte durch seine Gesandtschaft ein nahrhaftestes Packet; bald darauf tauchte er mit seiner Frau wieder hier auf - diese Idealisten from abroad! Wir konnten sogar den Prof. Cysarz, Redner in der Güntherschen Gesellschaft, heroischen Kriegskrüppel, aber auch misericordia-Philosophen, zu einem sehr ehrenwerten Mittagessen einladen.
Gestern und heute habe ich 32 Seiten vom Vortrag für Aachen: " Goethes Gedanken über letzte Fragen des Lebens" niedergeschrieben. Denn nach allen Informationen über
[4]
| Reiseverhältnisse ist es mindestens unsicher, ob ich rechtzeitig hinkomme. Man soll es dann vorlesen können. Das ganze Unternehmen ist wenig angenehm, aber vielleicht für die Soldaten dort doch heilsam.
Christian hat einen sehr lieben philos. feinen Brief aus seinem Unterstand geschrieben. Ebenso Anderl einen reizenden Freundschaftsbrief. Ich bin glücklich, daß ich dieses Band zum Hause behalte, das wirklich echt ist. Er hat auch mit Frau Kerschensteiner über ihre Biographie korrespondiert. Und vom heimgegangenen Ernst Fischer ist auch dieses Jahr noch ein Stahlstich gekommen. Ergreifend!
Man kann sich gar nicht ausmalen, was Finnland für eine merkwürdige Angelegenheit ist.
Gestern waren wir in einem Quetschen Kino: Fasching (München), das gerade das rechte für den Zweck war. Heute haben wir Frau Maier und die im gleichen Hause wohnende Frau A. besucht. Käte hat über Zollinger Nachrichten gesandt. Also Haushilfe.
[5]
|
Louvaris und andere Griechen schreiben oft. Auch aus Japan interessante Nachrichten, aber meist von Deutschen.
Meinecke befindet sich in bedenklichem Gesundheitszustand. Ich wäre glücklich, wenn uns dieser bedeutende Geist und warme Freund noch eine Zeitlang erhalten bliebe. Petersen hat einen Anfall von Herzschwäche in Murnau gehabt u. ist bei Wigger in Partenkirchen. Die Arbeiten an den Münchenbauten für die Winterolympiade dort soll man erst am 15.XII eingestellt haben.
Onkel Voß soll der Meinung sein: im März Durchbruch, zu Pfingsten Friede. Sein Freund Mittelzell soll sich dagegen erklären.
Langeweile ist ein zermürbender Zustand. Ich kann nicht klagen; andere tun es so, daß Gefahr besteht.
Der " Fröbel" ist schon ins Amerikanische übersetzt worden. Von Amerika kommt ganz selten Post durch; aber sie kam.
[6]
|
Ich habe lachen müssen über Deine leeren Seiten im "Pfarrerspiegel". Ein halber Bogen ist wohl nur einseitig bedruckt. Kein großer Schade! Mit Recht findet Elis v. Harnack, daß da eigentlich keine gestaltende Redaktion gewaltet hat. Der Zufall bringt auch Gutes; aber besser ist planvoller Aufbau. (So auch sonst!)
Was man in Hermann u. Dorothea I liest, rückt jedem näher. Es ist durchaus keine Grenzerscheinung. Ich beschäftige mich auch damit. Denn eines Tages werden Ahriman und Ormud aufeinandertreffen müssen. Hoffentlich ohne unmittelbare Beteiligung eines Engels aus dem Engelland.
"Gleichviel, du hörst es ja, Gleichviel." Denn was besteht, ist wert auch, daß es untergeht.
Nun also wieder erst einige Zeit nach Aachen. Denn es häuft sich jetzt allerlei. Ich konsentiere mit Susanne, die den Augenblick des Schlafengehens als den allein fruchtbaren Augenblick des derzeitigen Lebens verherrlicht. Schlafen, Schlafen, vielleicht auch - hoffentlich nicht - träumen. Innigst Dein Eduard.