Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24./25. Januar 1940 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 24.I.40.
Mein innig Geliebtes!
Von der Fahrt nach Aachen bin ich so weit wieder zu Kräften gekommen, daß ich Dir darüber berichten kann.
Am Sonnabend den 20.I. las ich von 9–11 in der Universität, sprach bis 12 mit Christian Biermann, der auf Urlaub hier ist, und traf mich mit Susanne am Potsdamer Bhf zum Mittagessen. Es hatte wohl schon 30 cm in Berlin geschneit. Gegen ½ 2 eroberte ich mir einen guten Platz im Dzuge, der um 13.50 abgehen sollte, und verabschiedete mich von Susanne. Die Abfahrt erfolgte mit 50 Minuten Verspätung. Bis Braunschweig ging es bei mäßiger Zugbesetzung glatt. Dann – unter zunehmendem Schneesturm, der vielfach die Schienen unsichtbar machte, – schaffte es die Lokomotive nur unter schwerer Mühe bergauf und schien bei jedem Signal anzuhalten. Die völlig vereiste Weser habe ich noch gesehen. Dann konnte
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| ich mich lang legen, da nur noch zeitweilig ein Offizier im Abteil war. Dumpf hörte ich den Ruf "Köln-Hauptbahnhof". Es war ½ 4, statt 22,40. Alles war dunkel und leer. Ich fand gemäß telegraphischer Bestellung sofort Öffnung des Hôtels und konnte von 4 – ¾ 7 im Bett liegen. Um ¾ 8 war ich am Bhf. Neuer Fahrplan, nur 1 Exemplar, dies belagert, also nicht zu lesen. Der erhoffte Personenzug nach Aachen 8.13 ging nicht mehr. Ich telegraphierte an die T.H., mein Kommen sei zweifelhaft, und wartete nun auf einen angeblichen Schnellzug, der 9.53 abgehen sollte und um 11 in Aachen sein sollte. (11½ Beginn des Vortrages.) Ohne Hoffnung schlenderte ich am Bahnsteig. Da kommt das Ding ganz pünktlich eingefahren (weil es nach Brüssel ging, also international war.) Um 11¼ war ich am Bhf Aachen. Niemand nahm mich in Empfang – denn ich kannte ja niemand von Ansehen. Im verabredeten Hôtel auch niemand. "Nehmen Sie sich eine Taxe zur T.H.)* zu Fuß ist es unmöglich." Der Schnee war fast nirgends beseitigt. Aber eine Taxe war nicht
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| zu sehen. Ich warte aufgeregt. Endlich kommt eine. Ich jage sie ungalant einer jungen Dame ab. Um 11.37 halte ich vor der T.H. Große Treppe. Eine Fußspur im tiefen Schnee zum Eingang. Wieder ratlos. Da stolpert auf mich zufällig die einzig sichtbare Figur zu, mein Freund und Klient Lehrer Rittel. Wir stampfen atemlos zu dem Hörsaalgebäude in der Nebenstraße, finden schließlich sogar das Auditorium, ich werde vom stellvertretenden Vors. Prof. Mennicken begrüßt, steige die Stufen in dem Emporenauditorium unter heiterer Begrüßung der Erschienenen hinab, schleudre noch die Gummischuhe fort und kann den Vortrag 11.43 beginnen, 2 Minuten ehe die Aachener Frau v. Campenhausen (dort Kaulhausen) angefangen hätte, das zur Vorsicht eingesandte Ms. zu verlesen.
Zwischen 2–300 Hörer, auch höhere Offiziere. Große Wirkung.
Nachher im Zuge von 8 Leuten nur zu flüchtige Besichtigung des Domes. Um 2¼ Mittagessen allein. Für Nachmittag hatte ich versprochen, um ½ 5 Gruber (Reichenau)
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| und um 6 den Schwager von Eulenburg zu besuchen. Die Elektrische kam nicht. Ich mußte schließlich [über der Zeile] ½ St. zu Fuß in die Villenvorstadt bei anhaltendem Schneetreiben vordringen. Nummer nicht bekannt. Auch dies löst sich. 1¼ Stunde bei Gruber (Gespräche über Reichenau) und Frau (= unerwartet Schwester von Frau Trautz (Japan.)) Wegen der fehlenden Verkehrsmittel wurde mir der 2. Besuch geschenkt. Zu Fuß mit Frau Kaulhausen in die Stadt zurück. Dann stilles Abendessen (Hasenpfeffer ohne Marken) im Hôtel bei einer Flasche recht guten Rheinweines. Im Übergang zum Einschlafen erhalte ich ein Billet von einem Herrn, mit dem ich einmal im Herrenklub zusammengesessen hatte, statt Hans Grimms Nachbar zu werden. Noch ein inhaltsreiches Gespräch mit diesem wissenden und geistig lebendigen – Dahlemer.
Um 10 zu Bett. Um ¾ 5 aufgestanden. Bahnhof mit Mühe bei mondloser Nacht gefunden. Direkter Dzug nach Berlin ab 5.51. Als wir über den 2/3 zugefrorenen Rhein fuhren, dämmerte es gerade. In Düsseldorf reichlicher Zustrom stets vergnügter
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| Rheinländer. Türen zugefroren. Schnee in den Wagen, nichts zu sehen. Bis 2 Uhr nur 2 trockene Brote und 2 Häppchen Chokolade als Frühstück. In Kreiensen endlich ein Stück Fisch. Von Goslar nichts gesehen. In Magdeburg beim dunkelwerden Zustrom, so daß in meinem Wagen 50 Menschen im Gang standen. Um ½ 8 mit nur 2 Stunden Verspätung in Potsdam. Auf der Vorortbahn Verkehrsstörung. Die Wartenden sprangen wie Lämmer, um sich warm zu machen. Mit 3 Verkehrsmitteln endlich um 9 zu Hause. Von 6 früh bis abends 9 – ein Rekord von Glücksfall, wie es schon das Eintreffen in Aachen gewesen war.
Damit will ich für heute meine Odyssee schließen. Denn das Minus wirkt natürlich immer noch nach. –

25.I.40.
Soeben ist dein Packet gekommen, nach dem Du Dich erkundigt hattest. Wir wußten zunächst garnicht, worauf sich diese Anfrage bezog. Aber trotz allen Dankes: lieb ist mir die Mitteilung von Lebensmitteln eigentlich nicht (eher schon Zigarren.) Wir haben vorläufig
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| noch manche Quellen. Und ich bitte Dich grundsätzlich Deine Pflicht zur eigenen Krafterhaltung sehr ernst zu nehmen; wenn aus keinem anderen Grunde, dann deshalb, weil für mich keine lebenswerte Zukunft ist ohne Dich.
Ich kann heute nicht mehr viel schreiben; daher nur Stichworte. Franke scheint einen leichten Schlaganfall gehabt zu haben. Meinecke geht es nach einigen Rückfällen z. Z. etwas besser.
Der Fröbel ist, anscheinend recht gut, von einem netten Amerikaner ins Amerikanische (sic) übersetzt worden und reist nun über Sibirien nach NewYork.
Heute kommt Christian zu Mittag (Lenchen hat einen Sohn bekommen.) Nachher ist Akademiefeier. Ich muß noch immer unten arbeiten, weil mit dem Koks sehr gespart werden muß. Eine schreckliche Mühe, wenn man um jedes Buch nach oben laufen muß, und alles liegt durcheinander. Wir haben jetzt noch –4 R; in Aachen war es viel milder. Von Gruber habe ich sehr interessanten Aufsatz über das Reichenauer Westwerk erhalten, den ich Dir später einmal mitteilen will. Prof. Christ war beim Militär u. nicht zu sehen.
<li. Rand> Bei meiner Ankunft empfing mich Dein lieber Brief. Und heute kam der an Susanne. Aber diese Zeilen müssen nun fort. Innigste Grüße! Dein Eduard
Dank von Susanne.
[re. Rand] Petersen ist noch immer bei Wigger
31.I. ist bei uns Mittwochsgesellschaft; also wieder 1. Vortrag.