Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. Februar 1940 (Berlin)


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Sonntag, den 18. Februar 1940
Mein innig Geliebtes!
Neulich kamen Deine "lieben Zigarren" und heute kam Dein "lieber Brief" vom 16.II.  2–2½ Tage muß man jetzt für die Reise eines Briefes annehmen. Ich freue mich, daß Du – bis auf die Stimmung – noch in einem erträglichen Zustande existierst. Es ist bei Euch anscheinend immer milder gewesen. Wir haben hier – abgesehen von 2 täuschenden Tagen – immer scharfen Frost gehabt. Heute sind – 18°R. Am Donnerstag war ein neuer Schneefall. Auf den Straßen liegen zusammengeschaufelte Berge; der im Hof Dorotheenstr 6. ist über mannshoch. Die Heizung in der Akademie, bei den Bibliotheken und der Kommode setzte zuerst aus. Jetzt ist auch das Hauptgebäude unversorgt. Dorotheenstr. 6 war bisher noch warm; mein Seminar ist es noch auf der Westhälfte. Aber ich glaube, "das ganze Ding heert uff". Im Hause können wir noch morgen, längstens übermorgen heizen. Zufuhr (wie bei vielen anderen) ganz ungewiß. Entsprechend mit Kartoffeln und Gemüse.
Man spürt im Kopf eine gewisse
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| Blutleere. Aber meine Erkältung ist nach 6 Wochen so ziemlich vorüber. Nur habe ich in der Nase überhaupt keine Schleimhaute.
Ich arbeite im Eßzimmer, seit Wochen. Um jedes Buch muß ich hinauf. Die Unordnung wächst täglich, und die Hilfe dagegen ist nicht so wie es wünschenswert wäre. Vielmehr kann ich nach 5 Jahren Erfahrung nur "völlige Hilflosigkeit" konstatieren.
Es fehlt nicht an Leben. Vorigen Sonnabend waren wir bei dem Eisenbahngeheimrat a.D. Schwarze [re. Rand] (cf. 1933 Bodensee) u. s. Frau geb. v. Arnim in großem Kreise. Der junge Tirpitz hielt einen Vortrag über Japan. Die alte Frau v. Tirpitz war auch da. Sonst unzählige Arnims, Winterfelds u. dgl. Auch Prof. Klingler (sehr nett.) Ich soll da im März auch einmal reden. Gestern in ganz kleinem Kreise bei unserm [über der Zeile] meinem Obersten von der Lochau. Mittwoch war Mittwochsgesellschaft bei Sauerbruch, sehr üppig, weil sie (die neue) Geburtstag hatte. Konkordanz der Ansichten mit Beck, aber nicht dem Isidor. 2 Tage in der Woche habe ich mit Erika Hoffmann an der Fröbelschrift gearbeitet. Das Ehepaar Naidanovič (Belgrad) war zum Tee da, ebenso der nette Birkmeyer, Christians Vetter, kurz nach diesem
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| selbst. Meinecke ist es wieder recht schlecht gegangen; jetzt ein wenig besser. Brandl ist gestorben.
Heute Nachm. kommen Hans u. Jenny Honig. Dann folgt das Vergnügen der Einkommen- und Vermögenssteuer. Am 26.II. soll ich in Stettin über Japan reden; am 10.III. in Hamm über die Lebensalter. Bis dahin wird es vermutlich noch kalt bleiben. Wie es bei Tauwetter wird, kann man sich garnicht ausmalen.
Du erwähnst eine Nachricht von Liselotte Henrich. Ich habe seit fast 2 Jahren nichts von ihr gehört. Das ist unsre Schuld. Wir waren bei ihrer Mutter zum Tee eingeladen und haben das nicht erwidert. Trautz war Leiter des Kulturinstitutes in Kyoto. Du hast ihn nicht gesehen. Das war ein Kaufmann oder Jurist Sonderhoff. (Übrigens eben ein Brief von Trautz aus Baden-Baden.) Von Japan sind noch allerlei Grüße mit ungeheurer Verspätung gekommen. Am vorigen Mittwoch waren wir beim neuen Botschafter Kurusu zum Teeempfang. Das ist immer ein ganz zweckloser Massenmord. Von Käthe Nachrichten via Zürich (ist Hausgehilfin); von Werner Richter gestern Karte aus Illinois, geschrieben 4.XII.
Hast Du Jüngers Marmorklippen gelesen? Seltsame Zeitvision. Spielt in Überlingen u. Wolkenkuckucksheim. Angeblich verboten?
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Frau Hedwig Heyl habe ich noch persönlich gekannt. Sie war eine sehr verdiente Frau. Von dem Buch weiß ich nichts. Den von Dir gehörten Mozart kenne ich auch nicht. Ich ginge gern in ein gutes Konzert. Aber die Stelzerei in der Dunkelheit ist gefährlich. Susanne hat sich neulich die Hand leicht verstaucht, als sie von Frau H. Maier kam. Diese glaubte zu wissen, Onkel Voß wäre verzweifelt und möchte aus der Sache raus. Ich halte das für Unsinn. Aber wir hier wissen nichts; durchweg.
Ich möchte gern noch mehr schreiben. Aber ich habe jetzt sehr viel zu tun und muß am Vormittag noch mein Besuch in Charl. machen. Morgen, am 50., kommt Frl. v. Kuhlwein; die Sprechstunden sind ein Vorwand für sehr angenehme Unterhaltung. Sonst wird nichts lossein. Röschen kommt nicht; es geht ihr weniger gut. Mein Deutschlehrer Kinzel ist mit 91 Jahren gestorben.
Ich breche ab mit all den warmen Wünschen, die jetzt zeitgemäß sind. Wann wird man sich einmal wiedersehn? Das ist ganz ungewiß. Wir wollen aber den 80. von Vater Welte nicht vergessen.
Innigste Grüße u. vielen Dank für die Zigarren, die ganz passabel sind, viel <re. Rand> besser als eine Kollektion serbische, die ich bekommen habe.
Von Heinz ein Brief, der etwas skeptisch klingt.
Dein
Eduard.