Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. März 1940 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 6. März 1940.
Mein innig Geliebtes!
Weil ich zum Wochenende verreisen muß, möchte ich Dir wenigstens einen "Abschlagsbrief" senden. Ich danke für die freundliche Zigarrensendung (diesmal etwas kräftiger Tabak) und für 2 liebe Briefe, wozu noch der an Susanne kommt. Die Steuernachricht beruhigt mich. In Stettin konnte ich an 1911 oder 12 nicht denken, weil der Vortrag wegen Kohlenmangel telegraphisch abgesagt wurde. Von dem Frankfurter ist nie mehr die Rede gewesen, wie man mich denn schon oft in Japonicis angefordert, aber nicht einmal abbestellt hat. Noch schlimmere Fehler machen wir bei der sog. "kulturpolitischen Betreuung" der Japaner selbst. Es wäre eine willkommene Gelegenheit zum Wiedersehn gewesen. Sonst sieht es damit trübe aus.
Ich habe längst die Absicht, Dir einmal ein vollständiges Gemälde meiner inneren Situation zu geben, sozusagen vor dem Einschlafen. Denn die "aufgezwungene" Passivität und die entsprechende Müdigkeit beunruhigt mich oft. Es wäre Zeit, einmal Bestand zu machen, „was uns noch vieles bliebe". Aber jetzt geht es nicht,
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| weil sich vor dem Semesterende am 20.III. noch so vieles drängt, daß mit den "abgedrosselten Kräften" gerade genug übrig bleibt, um die Tagesarbeit zu erledigen - die sehr gut gehenden akademischen Pflichten und die meist minderwertigen Dissertationen und Notexamina. Gestern waren wir zum musikalischen Tee bei einer 86jährigen Schwärmerin, mit 75 Leuten; wenn man so noch einmal wieder würde, dann lohnte es sich zu warten. Denn warten, warten - das ist unser Los.
Petersen ist wieder da. Sein Gesundheitszustand wird von den Freunden als sehr ernst betrachtet. Wir fanden ihn am Sonntag nachm. aber ganz munter. Das ist die verhängnisvolle Angina pectoris. Frau Biermann, die unvergleichlich Lebendige u. Tapfere, war am Sonnabend zum Tee bei uns. Herres, die auch kommen sollten, waren wieder einmal beide erkrankt.
Sonnabend nach der Vorlesung fahre ich nach Hamm, bleibe vermutlich die Nacht über in Soest, rede in Hamm am 10.III. um 6 und komme Montag Abend zurück. Ungefähr um die gleiche Zeit war ich voriges Jahr dort. Dann folgte unser kalter Aufenthalt in Wiesbaden. Gestern hatten wir hier einen kritischen Tag 1. Ordnung <li. Rand> mit Schneestürmen von furchtbarer Gewalt. Die Temperatur kommt nachts immer noch auf 5 Grad unter Null. Die Heizung reicht höchstens bis Ende März. Aber <re. Rand> bisher sind wir in puncto Wärme u. Ernährung immer unverdient gut drangewesen. Für heute schließe ich mal, und wenn morgen nichts von Belang hinzukommt, sende ich dies inhaltlose Blatt ab. Viel innige Grüße Dein Eduard.
[re. Rand, S. 1] Heute 7.III. ist die Einladung zu einem Vortrag in Budapest für die Osterferien gekommen.