Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18./19. März 1940 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 18. März 1940.
Mein innig Geliebtes!
Heute vor 92 Jahren empfing mein Vater als Kind Eindrücke von der 48er Revolution, die er mir mehrfach geschildert hat. Und heute muß ich beim Gedenken daran empfinden, welchen Zeitraum doch schon unsre Erinnerungswelt umspannt.)
Ich habe noch nicht für das vorzügliche Gebäck danken können, das auch Erinnerung an die besten Zeiten weckte. Die "Volks"zigarren waren übrigens auch sehr gut; sie waren ein bißchen schwerer. Aber leider ist das jetzt "Bedürfnis." Denn von anderen Seiten kommt der Impuls nicht.
Heute vor 1 Jahr erlebten wir kalte und unwirtliche Eindrücke in Wiesbaden. Es ist hier auch diesmal so: Ein rauher Wind, neues Schneetreiben, obwohl wir erst vor wenigen Tagen wieder 12-15 cm Neuschnee gehabt haben. Der "Summerday" will nicht kommen.
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In meinem Hörsaal hat die Heizung nun auch seit 8 Tagen aufgehört. Am letzten Mittwoch war es von außen so mild, daß es noch ging, und ich hatte wohl 230 Hörer. Am Sonnabend (in der kleineren Vorlesung) fand ich zunächst nur 25 vor, die ich in mein mäßig geheiztes Direktorzimmer mit hinübernahm. Es stellte sich aber heraus, daß eine große Verkehrsstörung auf der S.-Bahn gewesen war. Zum Schluß standen dann viele vor der Tür und konnten nicht mehr herein. Diese Vorlesung u. das Seminar sind schon geschlossen. Am Mittwoch soll die Hauptvorlesung beendet werden. Es ist aber fraglich, ob ich bei ungeheiztem Raum lesen kann. Viele andere Kollegen haben im Hauptgebäude schon seit 3 Wochen aufgehört.
Als ich am 9.III nach Hamm fuhr, war wieder ein Schneetreiben. Ich erkämpfte mir am Schlesischen Bhf noch einen Platz. Nachher fand niemand mehr einen Sitz. In Hamm holte mich die Tochter (Medizinerin) mit einem Auto ab. Am Sonntag regnete es dort stark. Der Vortrag war von 130-150 Leuten besucht, was für dort viel heißen muß
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| Erst nachträglich hörte ich, daß er stark gewirkt hat. Das Zusammensein im gewohnten Fünferkreis brach ich diesmal vorsichtshalber um ½ 1 ab. Am Montag früh stand ich fast 2 Stunden im D-zug bis Löhne. Dort okkupierte ein überfressenes schlagflüssiges Ehepaar mit weibl. Gefolge das bis dahin verschlossene Abteil. Dabei erhielt ich auch einen halben Platz. Meine Erschöpfung war stärker als nach Aachen und schon eigentlich nicht mehr normal.
Vorgestern habe ich über das gleiche Thema beim Eisenbahngeheimrat a.D. Schwarze (das war der Organisator der Fahrt nach Friedrichshafen - Wasserburg 1933, den Du nicht gesehen hast) im geschlossenen Kreise gesprochen - also über die Lebensalter. Es war lauter Arnim-Adel von ihrer Seite, überwiegend Damen, und die Wirkung war sehr tief. Gestern waren wir zum Tee bei Frankes mit 3 anderen Kollegen und Frauen. Ich fühle mich unter Kollegen nicht mehr sehr wohl. Man hält es im besten Fall aus.
Mein ganzer Zustand ist der des immer ungeduldiger werdenden Wartens. Ich habe nun,
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| wenn ich Japan abziehe, 6 Jahre für meine eigentliche Wirksamkeit verloren. In dieser Zeit habe ich mich verweichlicht und vom Praktischen so weit entwöhnt, daß ich nicht weiß, ob ich es je wieder aufnehmen könnte. Organisator bin ich ja, gottlob, überhaupt nicht. Das zeigen fast alle meine selbstverschuldeten Assistenten- und Hauserfahrungen. Aber Inspirator könnte und möchte ich sein. Es wird im großen Stil dazu auch nicht mehr kommen. Meine Generation stirbt noch nicht, aber siecht hinweg. Ich bin vielleicht noch am wenigsten zermürbt; aber doch aus der Kampflinie malgré moi hinaus. Wer soll aber die verlogenen Dinge wieder in Ordnung bringen? Bei der DAF. ist der pädagogische Zug noch am stärksten. Da muß und kann es vorangehen. Aber Volksschullehrer, H.J., vor allem Hochschule ...... Du weißt ja: aus dem Schaufenster darf heute nichts verkauft werden.
In meinem Inneren schießen die mancherlei
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| Studien immer noch nicht genügend zusammen. Ich muß noch mehr konkrete Geschichte treiben. Aber faule Notexamina hindern immer, obwohl sonst viel Zeit gewonnen werden könnte. Denn ich bin ja aus so vielem heraus, wo mitzuarbeiten nur eine unfruchtbare Qual wäre. Trotz allem schießt in mir manches zusammen. Vielleicht (?) ist es gut, daß man noch nicht offen schreiben darf. Denn das behütet vor Gelegenheitsarbeiten. Vielleicht (?) erlebt man das nie. Wir Gelehrten können ja immer nur sortieren und durch Auslese bewahren. Das Wagnis des absolut Neuen unternehmen wir nicht, weil man dazu auf einem oder zwei Augen blind sein muß. Das können wir uns aber nicht gestatten. Reklame auch nicht. Große Worte überhaupt nicht. Sondern das Innere, das Bewiesene, das Überdauernde - dafür haben wir einzustehen. In kleinem Rahmen findet sich immer noch Gefolgschaft. Aber sie hat keine Trompeten.
My wife is already sleeping, und auch ich bin müde, obwohl es erst 10 ist. Man arbeitet eben mit halben Touren.
Später mehr!
Dein Ed.
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19.III. (vor 31 Jahren m. Mutter †)
Die ganz große Sache riecht bedenklich nach Defaite.
Möglicherweise hat Herr Engel Finchen friedlich gestimmt; nicht Onkel Voß. Der erwähnte Summerday war wohl sehr wichtig. Es gibt immer noch Leute, die andere zur friedlichen Wendung zwingen möchten. Als wenn das eine Tugend wäre!
Man sollte Hegelisch denken: vor allem das Gegenteil: beim Lauten das Stille, beim Positiven das Negative, beim Guten das Schlechte. Und so: wenn einmal das Schlimme käme, wäre es das Gute.
Es regnete stark, bei 5° Wärme, diese ewigen Schwankungen machen müde. Und ich bin auch semestermüde. Morgen noch, wenn es warm genug ist!
Marianne Honig hat ihr Examen [neben der Zeile] techn. mediz. Assistentin. nicht bestanden, ohne Schuld, weil die Schule miserabel und ihr Gehör schlecht war. Aber es ist natürlich eine Sorge. Sabine hat ihr Abiturium gemacht.
Ich bitte Dich, dies schon als Osterbrief zu betrachten. Mal werden wir uns ja auch wiedersehn. Denn es ist eigentlich schon ein Jahr her.
Innigst mit vielen Grüßen Dein Eduard.