Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20./21. April 1940 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 20. April 1940.
Mein innig Geliebtes!
Am Montag, den 15. April ist Fritz Ludwig gestorben - oder hat vielleicht sein Ende gesucht, als vorzeitig von schwersten Alterserscheinungen aufgelöster Mann. Am gleichen Tage fühlte ich mich, ohne noch davon etwas zu ahnen, getrieben, einen Aufsatz "Vom Sinn des Ewigen" zu schreiben. Am Donnerstag haben wir ihn bei schöner Frühlingssonne in Stahnsdorf zur Ruhe begleitet. Er war ein treuer Lehrer, der die Jugend liebte. Und so hat er ein größeres Gefolge gehabt als der, dem ich vor ihm zu dieser Stelle folgte: der General Groener. Ulrich Zymalkowsky war unter den alten Freunden,. Er hat 2 Söhne bei der Marine. Frau Ludwig haben wir gestern nicht zu Hause getroffen. So weiß ich noch nichts Näheres.
46 Jahre guter, wenn auch ferner Gemeinschaft; das will etwas sagen. Mit Hermann bin ich nun 50 Jahre verbunden - aber doch mit langen Unterbrechungen
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| und ohne den Hintergrund der Schul- und Jugendgemeinschaft, der bei Seelenverwandtschaft so tief bindet. Ludwig und ich waren immer in ungewollter Innigkeit uns nah. Als ich nach Japan ging, vertraute ich ihm mein Haus an. Seine durchaus glückliche Ehe hat ihn von manchem entfernt, das zu seinem zartesten und eigensten Leben gehörte. Das wage ich zu sagen, ohne ihr Unrecht zu tun. Er hat es nie ausgesprochen; es war mir ganz von fern fühlbar. Zur Ehe war er wohl geschaffen; aber es blieben andere Welten in ihm unentwickelt. Man kann im Dasein eben nicht alles leben, was man leben könnte. -
Ich fühle aus Deinem lieben Brief eine Art von Enttäuschung heraus, daß ich Dich zu den sog. Osterferien nicht eingeladen habe. Entbehren und Verzichten ist die Regel, unter der wir existieren. Wie sehr ich mich nach einer Begegnung und Aussprache sehne, weißt Du ohne Worte. Aber ich müßte mir Vorwürfe machen, wenn ich Dich zu
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| einer Reise angeregt hätte, der Deine Kräfte vielleicht nicht gewachsen wären. Eher schon hätte ich nach Heidelberg kommen sollen. Aber ich habe nach 2 Proben meinerseits auch nicht den Mut dazu gehabt. Meine Kräfte sind ausreichend für das Tägliche, nicht für mehr. Und von "Ferien" war erst recht nicht die Rede. Im Gegenteil: als die Hochzeit Deines Patenkindes stattfand, war ich so am Rande, daß ich auch Budapest vertagen mußte - weil es eben nicht reichte. Dies im einzelnen auszumalen mit all den Tagespflichten, die mich bedrängten, unterlasse ich. Ich bin so gerade durchgekommen, und weiß nicht, ob ich nun durch das neue Trimester ohne Vorbereitung hindurchkomme. Schon 4 Dissertationen in 1 Woche sind etwas viel. Aber niemals hätte ich gewagt, Dich zu einer Anstrengung aufzufordern, die doch bei Deinem gegenwärtigen Befinden eine Gefahr bedeutet hätte. Heute, wo es endlich wärmer ist, sieht sich das von einer Seite aus besser an. Bis vor wenigen Tagen hatten wir nachts unter Null. Erst seit 5 Tagen ist wieder Heizung gesichert.
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Heute waren wir mit Petersen zusammen, der leider viele Zeichen trägt, die ich bei Ludwig längst und noch vor 8 Wochen fand. Man rüste sich zum Abschiednehmen. Ich kann mein Herz auch nur noch durch Zigarren leistungsfähig halten. Nachts melden sich dann die Folgen. Und so bei den meisten meines Alters. Meinecke, der Schatten, war aber vorgestern wieder in der Akademie.
Es empfiehlt sich, daß ich Dir nächstens auf Dein Sparkassenkonto 350 M überweise. 300 sind das Regelmäßige. 11,25 sind Zinsen von den Meiningern für ½ Jahr. 37,75 [li. Rand] so ungefähr entfallen auf Deine Zusendungen in Zigarren und ev. in Gemüsen. Die kleineren Zigarren sind sehr gut. [zw. den Zeilen] [Sie sind erst nach m. vorigen Brief eingetroffen.]
Wir haben gestern auch Penck besucht - 82, ganz am Rande, aber von einer geistigen Lebendigkeit und Gedächtnisfrische, die Neid erweckt trotz aller Sorgen. So ein Geograph weiß ja von früher her viel. Das nordische Glück ist noch sehr dubios. Es scheint, daß N. für uns bedeutungslos geworden ist.
Aber nun bin ich am Rande der Kraft für heute. Du siehst es selbst, und der Schluß für heute bedarf keiner Begründung für den Graphologen.

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21. April.
Herrlicher, sonniger Sonntag. Wenn es doch immer ebenso sein könnte!
Morgen redet W. Böhm in der Goethegesellschaft über "die Seele des Schauspielers." Am Mittwoch beginnen die Vorlesungen. Doch komme ich wegen Budapest (am 3.V.) mit der Sonnabendvorlesung nur auf einmal 2 Stunden vor Pfingsten. Am Mittwoch ist auch Mittwochsgesellschaft bei Generaloberst a.D. Beck.
Sonst habe ich heute nicht viel zu vermelden. Dein Packet ist abgegangen. Ich danke nochmals für die Zigarren. Emmy sandte 4 Pf. B. Du findest doch richtig, daß wir das nicht als Geschenk annehmen?
Viel innige Grüße. Hoffentlich trägt das bessere Wetter zu Deiner Stärkung bei. Auch Susanne grüßt vielmals.
Dein vielgeschäftiger
Eduard.

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|[beigefügter Zettel] Heinrich Scholz mit seiner jungen Frau hat mich auch besucht.
Marg. Thümmel schrieb aus Garmisch, Waxensteinstr. 1.
Franke habe ich besucht.