Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. April/1. Mai 1940 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 30. April 1940.
Mein innig Geliebtes!
Ehe ich morgen nach Ungarn abreise, möchte ich Dich noch einmal grüßen und Dir zugleich den Eingang der neuen Zigarrensendung bestätigen. Das ist eine sehr wichtige Unterstützung vor Toresschluß. Die kleine Sorte ist auch sehr gut. Was Louvaris aus Athen und Najdanovič von Belgrad zuwenden können, – nicht nur Rauchbares – wird bald abgeriegelt sein. Man freue sich also der Freundschaft, solange sie warm sein kann.
Heut Abend war ich wieder bei einer stillen Trauerfeier: Otto Hintze, der das unerwartet hohe Alter von wohl fast 78 Jahren erreicht hat. Es ist noch nicht öffentlich bekannt gegeben. Vielleicht weiß es nicht einmal die [li. Rand] jüd. Frau im Haag. Von uns waren anwesend nur Meinecke, Brackmann, Hartung und ich. Ich mußte dabei auch an Ludwigs und meine gemeinsame Lernzeit
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| bei Hintze vor 36 Jahren denken. Und daß L. unter der Angst vor dem Weiterlebenmüssen freiwillig geendet hat, ist nach meinem Besuch bei der Witwe und dem Patenkinde Ursula kaum noch zu bezweifeln.
Frau Hartung hat nun auf dem Meer den ersten Gatten, den Sohn und jetzt den Bruder verloren. Susannes überlebender Bruder ist – obwohl Marine – vermutlich in Osloe.
Ich hielt es, trotz des Ausfalls am Sonnabend den 4. Mai nicht für möglich, am Sonnabend vor Pfingsten das pädagogische Kolleg zu halten. Es wurde aber lebhaft verlangt – so muß ich, so will ich, wenn nachher auch nur wenige kommen.
Frau W. Böhm, Sohn Eckart Böhm (sehr angenehm) und Marg. Thümmel waren am Sonnabend zum Tee bei uns. Bei der letzteren ist eine Art von Verkrampfung pro zu schonen.
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Am 26.IV hat das Zentralinstitut f. Erz. u. Unt. sein 25jähr. Jubiläum gefeiert. Rust sprach, natürlich als Kollege zu Kollegen. Ich sah manche alte Bekannten, so den Sozialdemokraten Karstädt, der mir erzählte, daß sich der Pädagog von Rom eigentlich nur für mich und die "Erziehung" interessiert hätte.
Herr u. Frau Otto aus Prag waren auch zum Tee bei uns. Da er Augen hat zum Sehen, sieht er. Obwohl er im Feuer allein in Prag standgehalten hat, hat er die Befreiungsmedaille nicht bekommen. Er meint, es sei nur ein bestimmter Menschentyp, der wohl gelte. Und unser Nachbar von weit vis-à-vis, der in Osloe war, hat sich vor diesem nur mühsam in Ehren halten können.
Endlich hat Kotsuka geschrieben. Er ist nun anerkannt als Kulturvermittler, besonders beim H.J.-Gebietsführer "Schulze", der übrigens ein ordentlicher Mann ist. Der Oberste dieser Firma ist bekanntlich Gefreiter. Der Nächstobere ist unser Nachbar und hat eine Goethebüste im Kohl seines Gartens.
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Eine nicht sehr große militärische Potenz hat am "Mittwoch" zu uns gesprochen. Völlig unaktuell. Er ging so weit in seinem theoretischen Befangensein [über der Zeile in lat. Buchstaben] Befangensein, daß er meinte, daß Deutschland als Landmacht den Krieg nur zu Lande gewinnen könne. –
Morgen werde ich nicht fortfahren können, denn abends muß ich auf die Fahrt, die mir bei meinen gegenwärtigen Kräfteverhältnissen etwas schwer auf dem Herzen liegt. Viel innige Grüße kurz, und treuestens. (NB. Emmy hat 4 Pfd. Erwünschtes geschickt – wir hielten es für richtig, Gegenwert zu senden.)
Dein müder
Eduard.

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Dahlem, den 1. Mai 40.
Ohne das Geschreibsel von gestern noch einmal durchzusehen, füge ich ein Schlußwort hinzu. Ich bin in der üblichen Reisenervosität, die diesmal in der Kompliziertheit der Formalitäten und meinem abgearbeiteten Zustande auch objektiv begründet ist. Eben habe ich noch der 82jähr. Frau Prof. Schmidt-Köhne einen Dank geschrieben, die mir mit graziösen Zeilen ein Autogramm der Schröder-Devrient von 1840 geschenkt hat. (Im Anschluß an Böhms Vortrag über den Schauspieler.)
Hinzufügen möchte ich ferner, daß wir am Sonntag, 1 Tag nach 27.IV. Riehls Grabstätte ganz verwahrlost gefunden haben. Die Rosen sind ganz erfroren.
Morgen um 9 bin ich in Wien, um 14 in Budapest.
Innigstes Gedenken
Dein
Eduard.