Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9./10. Mai 1940 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 9. Mai 1940.
Mein innig Geliebtes!
Heute Nachmittag haben wir den ehrwürdigen Pfarrer Kirmß zur letzten Ruhe begleitet. Er wäre in 6 Wochen 90 Jahre alt geworden. Es fand erst eine Trauerfeier in der Neuen Kirche statt, die ich seit langen Zeiten zum 1. Male wieder betrat. Sie war vollbesetzt - überwiegend von alten Damen. Denn der Verstorbene hat wohl schon vor 30 Jahren von seiner Gemeinde Abschied genommen, und es leben nicht viele mehr. Wir begleiteten den Toten und die Familie - darunter auch die tapfere, gewiß 80jährige Gattin - zur Bergmannstraße. Da ruht er nun, etwa 200 m von meinen Eltern.
Fast gleichzeitig mit der Nachricht von seinem Hinscheiden kam die von dem Tode der Frau Muthesius. Zwei alte Freunde in Weimar sind also nicht mehr. Und was ist Weimar heute überhaupt noch?
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Mein Vater pflegte von seiner eignen Annäherung an das Grab immer zu sagen: "Es geht Galopp." Ich möchte dies auf die ältere Generation und die Gefährten anwenden: - es geht Galopp! -
Die Fahrt nach Budapest war ebenso belebend wie anstrengend. Leider kann ich ja nur in Stichworten berichten; denn ich habe viel Arbeit zu leisten, und meistens dringende.
Am schlimmsten war die Fahrt mit dem Gepäck in der Untergrundbahn zum Bahnhof Zo - am Feiertag 1.V. Von dort hatte ich (20 Uhr) Schlafwagen und blieb sogar allein, bis Wien 9.20. Dort umsteigen und noch reichlich 4 Stunden bis Budapest. Am Bahnhof waren Prof. Varga, Freund Prohaszka, der alte Kemeny, und ein Legationssekretär, der freundlicherweise 50 Pengő als Substistenzmittel vom Gesandten brachte.
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Ich wurde im schön gelegenen Eötvöskollegium einquartiert und hatte dort eine ganze Wohnung. Mit Prohaszka sprach ich über seine Ehetragik, die vom 1. Tage an zur Scheidung hinführte. Freyer, der seit 2 Jahren - ähnlich wie ich in Japan - dort (mit Familie und eigner Wohnung) existiert, besuchte mich. Um 20 Uhr war ich vom Dekan der Phil. Fakultät im 1. Hôtel zum Abendessen eingeladen, mit Bauch (der den Balkan bereisen sollte), Brandenstein, Freyer, Prohaszka, Varga. Es war recht nahrhaft u. gab einen schönen Wein.
Am nächsten Tage machte ich an 8 Stellen Besuche und gab ca 15 Karten ab, besonders auch auf der Gesandtschaft, wo ich den Gesandten, den früheren Japanreferenten Grafen Strachwitz u. andre wiedersah. Ich besuchte nahe der Burg v. Buda auch die Mutter Prohaszka, aus Kronstadt. Mittag aß ich allein in m. Wohnung und wartete dann auf Abholung zum Vortrag in dem riesigen Parlamentsgebäude; als 20 Minuten vor Beginn noch niemand gekommen war - man hatte es verbummelt - rettete mich
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| der freundliche 2. Direktor des Eötvös-Kollegiums im letzten Moment und brachte mich in das Parlament, das fast ⅓ km lang ist und entsprechend viel Eingänge hat. Der wenig schöne Saal füllte sich allmählich so, daß ich ca 250-300 Hörer hatte, von denen 40-50 stehn mußten. Unser Gesandter v. Erdmannsdorff war gekommen, manche ungarischen Notablen, darunter der frühere Ministerpräsident Imredy - aber nicht der Präsident der U.D. Gesellschaft, in der ich sprach. Der Vortrag - sehr sorgfältig ausgearbeitet - gelang gut, dauerte genau 1 Stunde und fand, besonders am ungarnfreundlichen Schluß, lebhaften Beifall. Über das alles hat der Pester Lloyd, den ich später schicke, getreu referiert. Dieser Hauptteil darf als gelungen gelten.
Mit Prohaszka trank ich dann, sehr erschöpft, am Ufer der immer noch hoch gehenden Donau 2 starke schwarze Kaffee. Um 8 gab Varga für etwa 10 Leute in einem Hôtel ein zwangloses Essen, das ganz nett und wiederum nahrhaft verlief.
Am nächsten Morgen kaufte ich Blumen für die verschiedenen Wirte u. 4 Stück Seife
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Um 11 holte mich das Auto v. Exc. Kornis, meinem Fachgenossen und Freunde, auf sein Tusculum in den Bergen hinter der Budaer Burg ab. Wir hatten 1½ Stunden vertrauten Gespräches in diesem besonders kultivierten Hause (entzückender Siamkater.) Ich erhielt zwei kleine sinnreiche Bücher zum Geschenk. Geistig war das eigentlich der Höhepunkt.
In der Universität sammelten sich einige, die Brandenstein in sein eben bezogenes, absolut unfertiges u. feuchtes Haus führen wollte. Von dort fuhren wir zu Freyer, der ca 20 Personen zu Mittag eingeladen hatte. Bauch trauerte über die bevorstehenden Fährnisse. Dein Schrade, den man eben aus Jugoslawien als Redner exmittiert hatte, war auch da; ferner unser Berliner Althistoriker Weber, mit dem ich noch nie ein Wort geredet hatte, denn ex officio redet er mit anderen Zungen als wir - sonst aber erträglich. Frau Freyer ist eine sehr natürliche angenehme Dame.
Um 20 war ich bei Kemeny und Familie mit Prohaszka intim eingeladen. Der 80jährige entfaltete das gleiche Temperament wie vor 4 Jahren und bot excellente Weine. Erst am
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| nächsten Tage enthüllte mir P., daß dieser alte Freund im Schicksal dem von Borchardt gleichsteht. Daher der Charme, die Wärme, der Geist.
Am letzten Tage war ich nur noch 1 Stunde still mit Prohaszka bei mir zu Hause. Das Wetter war sehr schlecht (Wolkenbrüche) und vom Ort habe ich mal wieder nichts gehabt. Wir tranken zum Abschied noch einen guten Wein. Um 13 ung. Zeit fuhr ich ab. Die Kontrollen an der Grenze ließen sich nur mündlich schildern. Aber ich hatte nichts Eßbares außer 3 Äpfeln und 3 Broten bei mir. In Wien blieb wenig mehr als ½ Stunde Zeit. Um ½ 8 unsrer Zeit kam ich in den vollbesetzten Schlafwagen, den ich nur im Sinne seines Namens ausnützen wollte, entdeckte aber sogleich unsren Dekan Koch. Der sucht nun sichtbar (u. durch Günther bestätigt) seit langem seine Mißgriffe gegen mich auszugleichen und unterhielt mich, bis ich buchstäblich auf m. Lager fiel. Ob
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|wohl die Person eindeutig diagnostiziert ist, kann die Anbahnung "korrekter Beziehungen" immerhin erleichternd wirken. Montag kurz vor 9 war ich zu Hause, am ganzen Tage aber noch wenig aktionsfähig.
Gestern habe ich bei normalem Besuch wieder gelesen. Am Abend war Mittwochsgesellschaft, bei der ich mit einer bedeutenden Person recht aufschlußreiche Gespräche hatte.
Alle Griechen sind heimbeordert. Ob der Serbe Najdanovič noch hier ist, bleibt festzustellen. Ich muß nun sehr an die Semesterarbeit heran und werde schwer damit zu kämpfen haben - ob bis 31.VII? Am 4.VI ist der 80. Geburtstag v. Schmidt-Ott. Dafür soll ich auch noch einen kurzen Artikel schreiben. Von Pfingstferien ist nicht die Rede. Am Sonntag Vorm. kommt der Italiener Grassi, nachm. der Chinese Chang.
Es blüht hier herrlich, ist aber ziemlich kühl. Die Küche wird gestrichen.
Die Tinte ist eine Schlammkiste.
Ich möchte gern wisse, was mit Rösel Hecht los ist. Man kann das ev.
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| umschreiben.
Heute haben wir Deinen Kohl gegessen; ein trauriger Ruhm! Aber ich kann nicht verschweigen, daß weitere Zigarrenzufuhr sehr erwünscht wäre. Die kleinere Sorte ist ausgezeichnet. Was kostet sie eigentlich? Ich selbst bin bald am Rande mit den Vorräten. In Müncheberg steht seit langem etwa so: "Wer anderen gibt das Brot, den schlage man mit der Keule tot." Man wende dies erweitert an und frage sich, wie wir durchkommen sollen.
Habe ich erwähnt, daß sowohl von der Jps. wie von den Lebensformen auch dies Jahr wieder je ein Tausend verkauft und honoriert ist?
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Kotsuka hat endlich geschrieben. Es war nur Faulheit. Er steigt die Leiter empor, weil er als einer der wenigen gut deutsch kann. Brief von Beckers war teils inhaltlos teils unverständlich.
Am 28.IV. habe ich Rust zum Jubiläum des Zentralinstituts gehört. Wie gut befreundet sind wir doch jetzt alle! Der alte Antagonist Karstädt [unter der Zeile] (Soz.) sagte mir, der Prof. d. Päd. in Rom <re. Rand> habe sich hier nur für die "Erziehung" interessiert. Der Fröbel ist gedruckt. Ob auch rechtzeitig gebunden??

<li. Rand>
10.V. Ich schließe mit herzlichen Pfingstgrüßen von uns beiden und hoffe, daß Du die sog. Festtage in guter Gesundheit und guter Gesellschaft verlebst. Innig u. treu Dein Eduard.