Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. Mai 1940 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 18 Mai 1940.
Mein innig Geliebtes!
Die Nachricht von dem schweren Schicksal Deiner jung verheirateten Nichte hat mich mit herzlicher Betrübnis erfüllt. Als Du zuerst davon schriebst, hoffte ich noch auf eine günstige Wendung. Sie ist nicht ausgeschlossen, aber noch nicht bezeugt. Das Los des Fliegers verdient besondere Ehrung und echte Trauer; denn für ihn beruht der Krieg in der Tat auf heldischem Opfer. Für die junge Frau bleibt aber darüber hinaus ein doppelt Tragisches in der Seele: der Bruch des ersten Glückes und die Ungewißheit über Sein Verschwinden im All. - Wirst Du von ihr hören?
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Soweit man sich zu freuen imstande ist, freue ich mich über den Brief von Prof. Seidel. Eine solche Anerkennung ist schön. Und wenn Du seinem Wunsche folgen kannst und willst, so wollen wir diesen "Wink" des Schicksals doch ja für ein Zusammensein ausnützen. Ohnehin wäre ich - nach der neuesten Wendung - mit einem solchen Vorschlag herausgekommen. Für hier würde ich die Zeit nach dem 1. Juli vorschlagen. Denn bis zum 27.6. einschließlich (Leibnizsitzung) ist hier eine Fülle von Veranstaltungen in Sicht, die ich Dir nur z. T. empfehlen und zugänglich machen könnte, die unser stilles Zusammensein aber nur hindern würden. (19.VI. 1000. Sitzung der Mittwochsgesellschaft, 23.VI. Fröbelfeier, 24.VI. Goethegesellschaft: Goethe u. die Generäle etc.) Dein Zimmer braucht dann vielleicht nicht mehr geheizt zu werden, und für Deine Ernährung
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| würden wir nach besten Kräften sorgen. Wir beide freuen uns herzlich, im ernsten Sinne der heutigen Freude. Wie Du es mit Jena am besten einrichtest, wirst Du überlegen. Im ganzen Juli ist noch Semester. Nur im August sind Ferien. Ob wir da ein bißchen weggehen könnten, ist unsicher. Ev. müßtest Du, wenn der August Dir besser paßt, unser Wagnis dann auf einige Zeit teilen.
Ich bin schon jetzt so heruntergearbeitet, daß mir die laufende Arbeit viel Mühe macht und manchmal nicht gelingt. Von Pfingsten hatten wir garnichts, und der Absturz des gegenwärtigen Semesters in Zahl u. Qualität gegenüber dem vorigen ist auch bedrückend. Die Korrespondenz, die Susanne doch fast ganz mir überläßt, wächst mir auch über den Kopf. Zu Schmidt-Otts 80. Geburtstag (4.VI) mußte ich zweierlei schreiben. Anderes aber lastet noch mehr. Aussprechen wird nichts ändern, aber wohltun.
Im Namen des Hauses danke ich für den Spargel u. die Zigarren, besonders für die damit
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| verbundene Mühe. Jag aber nicht unter Opfern dem Gemüse nach. Wenn man jagt, findet man auch hier. Wir heizen allerdings wieder, und in Partenkirchen liegt Schnee im Tal. Neue Eiszeit.
Documents humains, von denen meine Freunde und Bekannten berichten, zeigen, daß alles beim Alten ist. Auf welchen Grund wird da gebaut?
Alarm gibt es hier nicht. In Münster sogar Metall. Man gehe ins unterste Stockwerk, vermeide den Keller - mein Privatrat.
Ich bin moralisch noch weiter unten. Wir haben hier "eigentlich" niemanden. Meinecke u. Wachsmuth kamen einmal (ungelegen) aus gleichem Trieb. Ich berate den Chinesen Chang, den Serben Najdanowitsch (nun fast die letzten Ausländer) und beherrsche dabei mühsam meine revoltierenden Nerven. Ich möchte einmal nicht mehr frieren und Licht sehen ohne Sturm. Aber das ist heute. R. in B. hatte wohl recht, wenn er sagte: wir werden ein sehr schweres Alter haben.
Innigste Grüße
Dein
Eduard.