Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. Juni 1940 (Berlin/Dahlem)


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<durch Lichtfleck auf dem scan sind die Anfänge der Zeilen 5-8 auf S. 3 nicht lesbar u. ohne Korrekur übernommen>
Dahlem, den 3. Juni 1940.
Mein innig Geliebtes!
Am Geburtstag der verewigten Tante Dir zu schreiben, hatte ich mir vorgenommen. Leider wird es doch nicht viel werden; denn ich habe heute einen jener unmotivierten Schwächeanfälle, die zu meinem Jahresrepertoir seit jeher gehören, also mit Alter und Zeitalter vermutlich nichts zu tun haben. Es ist nur die ununterbrochene Kopfanspannung.
Aber ich schreibe schon heute hauptsächlich wegen eines Punktes: nämlich, wenn der Zustand bei Euch auf die Nerven gehen sollte, dann warte bitte nicht bis zum Juli, sondern komme gleich. In keinem Fall aber warte, bis ein allgemeiner Aufbruch stattfindet, sondern fühle den Zeitpunkt möglichst vor, wo
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| noch ein Transport (über Würzburg) einigermaßen geordnet möglich ist. [neben der Zeile] Eben Nachricht über Köln u. Bonn
Sodann: Die große Zigarrensendung gestern und die Gemüsesendung heute sind eingetroffen. [li. Rand] Herzlichen Dank vor allem. Es klingt sehr komisch, wenn ich Dich daraufhin bitte: Fahre mit den ersteren fort u. stelle die zweite Art ein. Die zweite erfordert gewiß Abpassen und Sonderfahrten nach der Post, die Dich angreifen. Das andere macht sich so nebenbei und kann gelegentlich geschickt werden. Die Sorte ist sehr gut, und das kleine Format durchaus recht. Man nimmt übrigens hier, was man kriegen kann. Da wir nun inzwischen gekriegt haben, was wir genommen haben, so wird diese Angelegenheit vorübergehend besser werden; zum Besten der Raucher! Die es nicht verdienen, die schneiden überall am besten ab.
Da wir über das öffentliche Leben zur Genüge aus den Zeitungen wissen (übrigens sind aus meiner Bekanntschaft neuerdings etwa
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| 5 gefallen, auch der Älteste von Cecilienhof, der Sohn von Pflug u. a.) so will ich mich auf private Mitteilungen beschränken. Aber entweder war nicht viel oder es fällt mir nichts ein. Wir haben uns, weil es nun wirklich nicht anders geht, etwa 3 Ausflüge von 4-5 Stunden gestattet. Am Sonnabend waren wir mit einer Gruppe von der Goethe-Gesellschaft zur Vogelerforschung auf der Pfaueninsel. Es war so abscheulich kalt, daß man im Freien nicht stehen bleiben mochte. Gestern und heute war Wenke da, der doch immer in gerader Linie marschiert. Bei Bertholets (Schweizer) waren wir mit Meinecke u. Heuss (Mann v. Heuss-Knapp) zusammen. Morgen ist 80. Geburtstag v. Schmidt-Ott. Frankes sind nach 8 Wochen wieder heimgekehrt; (maßvoll verpflegt.)
Goldbeck ist - schon lange geistig erlöschend - nunmehr heimgegangen.
Es ist möglich, daß morgen Litts kommen - wenn der Sohn nicht gerade
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| eingezogen wird.
Du erinnerst Dich, was Simmel zu meinem Vater gesagt hat. Ich fürchte, das gilt für ganz Europa.
In der Gegend, wo wir 1937 waren, da ist alles herrlich vorangegangen. Innen ist freilich alles kaputt, und Herre fragte mit Recht: "Was soll das Ganze?"
Das "ganz Neue" kann nur etwas Spirituelles sein. Diese Mittel von jetzt haben sich widerlegt.
Das Semester krägelt nur so, obwohl ich es sehr ernst nehme. Am schlechtesten geht es im Pestalozziseminar. Es ist eine ganz neue "Schicht" ohne "Sicht". Man wird sie schon erwecken, aber doch nur sehr langsam, wenn sie so lange stillhalten. Und es müßte doch auch möglich sein, über "uns" zu sprechen à la Sokrates. Aber dieser Teil des Programmes fällt wegen der Verhinderung des Vortragenden aus.
Ich freue mich, daß Du über O. Ko. Nachricht hast. Gott schütze ihn! Die Anforderungen sind nicht leicht. Ohne einen höheren Rausch wären sie überhaupt nicht möglich.
<li. Rand> Verzeih, wenn ich etwas ausgelassen habe, z. B. den Vortrag des Generals v. Rabenau in der Wehrwiss. Gesellschaft, der herrlich war, aber Idee u. Wirklichkeit nicht unterschied.
Ich grüße Dich herzlichst u. empfehle S. 1 zur Nachachtung Dein E.