Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Juli 1940 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 1. Juli 1940
Mein innig Geliebtes!
Ich habe nun auch mein bittres Opfer bringen müssen. Der mir Liebste aus der jungen Generation, Christian Biermann, ist gefallen. - Ich glaube, ich habe es gewußt. Er hatte sich in der letzten Zeit innerlich so vollendet, war so reif und fest geworden. Es mußte sein. Die schreckliche Frage: müssen nicht diese Naturen aus einem inneren Gesetz der Reinheit und Versöhnung fallen??
Vor 10 Minuten kam das Telegramm der Mutter, die wir eigentlich heute Nachmittag mit Lenchen und ihrem Baby erwarteten. Von den nächsten Freunden der tapferen Frau Biermann sind schon 2 Söhne gefallen.-
Ich kann Dir heute nur danken für Deine Liebe zum 27.6. - für den Virchow, Häblers Brief, die kleinen Dinge, die ans Leben ketten. Wo nimmt man nur noch die Seele her, dies Leben zu leben?
Honigs waren am Abend bei uns. Da zittre ich nun auch um den Sohn, ihren sehr geliebten Stiefsohn. Wingeleit und Erika waren am Sonnabend da. Die letztere folgt hoffentlich meinem Rat, vorläufig mit den Kindern nicht nach Harburg zurückzukehren.
Der Abend der Goethegesellschaft war wohlgelungen. Es ist jetzt überall eine Entspannung und Seligkeit, m. E. eine sehr gefährliche Stimmung.
Suche doch von Seidel zu erfahren, wann es ihm paßt. Ich habe großes Verlangen, über Dein Kommen Gewißheit zu erhalten. Innigst u. dankbar
Dein
Eduard.