Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. Juli 1940 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Dahlem
Fabeckstr. 13>
25.VII.40.
Mein innig Geliebtes!
Dein lieber Brief vom 23. bringt erfreulich greifbare Vorschläge. Hoffentlich geht der Zug aus Mannheim ab oder hat dort größeren Wechsel der Fahrgäste. Mit mehr Bedenken sehe ich die Fahrt von Halle; denn das gibt vermutlich einen Stehsitz. Sieh Dir noch einmal in Halle den Fahrplan an, ob nicht ein erträglicher Personenzug geht. P. sind, wie ich höre, maßvoller besetzt und wenn Du II. Kl. nimmst, worum ich bitte, so hast Du vielleicht eine ganz ausruhsame Fahrt. Falls Du nicht nach 18 Uhr hier ankommst, wird Dich Susanne abholen. Denn mein "Militärdienst" geht den Tag über. Auch Sonnabend mindestens bis Mittag. Trotzdem habe ich es so vorgeschlagen. Du kannst Dich dann am Sonnabend erst
[2]
| gründlich ausruhen, und dann sind wir hoffentlich beide frei.
In Deinem Zimmer war schon 4 Tage lang ein Feldwebel als Einquartierung.
In der letzten Zeit hatte ich maßlos zu tun, darunter auch unerfreuliche Beratungen. Wenn man müde ist, steht alles wie ein Berg vor einem. Gestern habe ich die Vorlesungen - wohl als letzter - geschlossen. 40 waren noch da. "Kriegsverluste". In beiden Vorlesungen zusammen waren ca 180 Belegende (mindestens.)
Wir hatten aber auch eine Fülle von Besuchern: Szylkarski aus Kowno auf der Flucht, Rothacker (Bonn), Haering (Tübingen), Bommersheim (Darmstadt.) u.s.w. Da hört man allerhand. Gestern waren wir bei einem Tee, den die chinesischen Studenten gaben, für 3-400 Leute. Susanne hatte wieder Glück und kam an die linke Seite des gut deutsch
[3]
| sprechenden Botschafters. Nach 2 Telegrammen, die ich aus Tokyo erhalten habe, ist mir der Orden vom Heiligen Schatz II. Kl. verliehen worden. Der Erlöser und der Heilige Schatz!
Eben lasse ich mir einen Wehrpaß ausstellen, weil ich Kriegsverwaltungsrat werden soll. Das schrieb ich schon. Aber für das hübsche Bild vom Donautal habe ich noch immer nicht gedankt. - Wenn Du noch (ev. etwas teurere) Zigarren bekommen kannst, wäre es erwünscht. Denn der Mann, bei dem ich "Kunde" war, ist gestorben.
Es freut mich, daß Dir die Samlandküste gefallen würde. Wir haben jetzt in Georgenswalde angefragt. Aber in der Hinsicht bin ich skeptisch. Es sieht mir nicht so aus, als ob der Krieg zu Ende wäre. Wenn die Verhältnisse entsprechend sind, können wir doch reisen. Aber mit vermehrten Inlandangriffen ist zu rechnen. Es wird mir lieb sein, Dich von der Bahnstrecke zu wissen. Halle ist auch nicht ganz geheuer.
[4]
| Hier aber war es bisher ja gefahrlos. Ostpreußen könnte (?) jedoch trotz gegenteiliger Verlautbarungen bis dahin unter einem anderen Aspekt stehn. Nun, wir haben gelernt, still zu halten.
Frau Biermann, die jetzt in Schliersee ist, habe ich besucht. In einer uns bekannten Familie ist ein 7jähriger Sohn in der Krummen Lanke ertrunken. Es gibt viel Unglück jetzt.
Was sonst noch zu erzählen wäre, verschiebe ich bis auf unser Wiedersehn. Reise möglichst gut. Gib das Gepäck, wenn es schwer ist, lieber auf u. behalte nur Dein Nachtzeug.
Grüße den Vorstand, Adele u.s.w. Viel innige Grüße von uns beiden!
Dein
Eduard.