Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13./15. Oktober 1940 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Dahlem
Fabeckstr. 13>
13.X.40.
Sonntag 18 Uhr.
Mein innig Geliebtes!
Es wird höchste Zeit, daß ich Dir einmal wieder schreibe. Für die - erinnerungsreichen - Herbstzeitlosen habe ich Dir noch nicht gedankt, ebensowenig für die noch nicht verzehrten Kastanien. In Deinen beiden lieben Briefen wäre vieles zu beantworten. Du scheinst recht streitbar. Mit dem Hauswirt bei aller Wahrung der notwendigen Ansprüche friedlich zu verfahren, empfiehlt sich besonders in dieser Zeit. Die Frau Kühn bist Du los; wer soll sie ersetzen? Früher kam sie ja wohl nach solchen Konflikten wieder? Ganz allein wirst Du doch auf die Dauer nicht auskommen.
Meine lange Schreibpause erklärt sich aus vielem Schreiben auf anderem Gebiet. Ich habe fertiggestellt:
1) noch 1 Kapitel des Buches von ca 26 Seiten.
2) meinen Beitrag für "Das Reich" unter
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| dem Titel "Berlin als geistige Weltstadt", bereits gedruckt und viel beachtet. (folgt als Drucksache mit 1 weiteren Exemplar der Fröbelrede und 1 Zeitungsartikel von F über Schloß Schönhausen.) 6 Seiten.
3) einen päd. Artikel von 6 Seiten für den Kalender "Technik voran." 1941.
4) einen Aufsatz von 6 Seiten über Japan für eine wissenschaftl. Korrespondenz.
5) eben schreibe ich an dem Vortrag für den 20.X. in der Neuen Kirche sub titulo: "Weltfrömmigkeit."
Du siehst, daß das eigentlich eine sehr zersplitterte Tätigkeit ist. Unsre Nächte sind ungleich. Es hat einmal eine vielstündige, sehr planvolle Sache stattgefunden, die leider von beträchtlichen Erfolgen begleitet war. Unangenehm ist, daß neuerdings ganz nah sehr erheblich geschossen wird. Der letzte Alarm begann bereits um 22 ¼ und endete um ¾ 1 - wohl mit Rücksicht auf den Sonntag. Es freut mich, daß Ihr jetzt von geringem Interesse zu sein scheint. Wir fragen noch einmal,
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| ob wir die Packete mit Deinen Sachen jetzt zurückschicken können.
Vorgestern hat mir ein junges Mitglied der Botschaft den Stern vom goldenen Schatz überbracht. Er sieht recht hübsch aus, mit Rubinen. Sonst kommt aus allen möglichen Ausländern (Dänemark, Bulgarien, Serbien) gerade jetzt viel Nahrhaftes. Dein Kakao vermehrt diese Segensgüter. Aber Du sollst nicht alles hierherschicken!! In der Obstfrage wird sich wohl Susanne selbst äußern.
Heinz suchte mich am Mittwoch [über der Zeile] Sonnabend zwischen 2 Vorlesungen auf. Er war blessiert von der Verdunklung, im Gesicht. Wir sprachen etwa ¾ Stunden recht nett.
Heute um ½ 12 hat Wahl aus Weimar in der Goethe-Gesellschaft über den Kriegskommissar Goethe gesprochen. Wir waren noch beim Eintopf in einem Restaurant zusammen. Jetzt, ziemlich ermüdet, habe ich mir die Liste von 12 recht eilig gewordenen Briefen vorgenommen. Da stehst Du an der Spitze. Aber mehr als diese 3 Seiten kommen diesmal nicht auf Dich. Sonst reicht die Zeit bis zum
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| frühen Schlafengehn nicht.
Wir beide vermissen Dich hier noch sehr, aber nicht gerade nachts. Dafür genügen die Anwesenden vollkommen. Viele, die es können, quartieren sich vielmehr aus.
Es war doch eine merkwürdige Idee von Napoleon, die Sache s. Z. gerade in Ägypten austragen zu wollen.
Viel innige Grüße und gute Wünsche
Dein
Eduard.

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15.X.40.
Ich wollte Dir noch sagen, daß ich den Pinder inzwischen zu 2/3 durchgelesen habe. Der Anfang, in dem Du stecken bliebest, war auch für mich ein hartes Stück. Aber mehr und mehr kommen doch Ansichten, die ungemein belehrend und interessant sind. Ich jedenfalls habe solche Beurteilungskategorien bisher nicht besessen und bedauere es sehr, viele wichtige Kunstwerke gesehen zu haben, ohne damit etwas anfangen zu können, weil mir eben alle Kategorien der Beurteilung fehlten. Leider verstehe ich viele Fachausdrücke nicht. Es wäre daher sehr fruchtbar, wenn wir beide auf diesem Gebiet noch einmal von vorn anfangen könnten, z. B. nur mit dem Speyerer Dom, dem auch Pinder eine ganz große Bedeutung beimißt.
Eigentlich sollte ich ihn in 8 Tagen in der Mittwochsgesellschaft wiedersehn. Aber ich bin ärgerlich, daß Lietzmann an den Abendstunden nach 19 Uhr festhält. Schon vorige Woche begann der Angriff um 22 ¼.