Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. November 1940 (Berlin/Dahlem)


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16. November 1940.
Mein innig Geliebtes!
Heute ist Dein Packet angekommen. Ich danke herzlich für den willkommenen Inhalt und für den lieben Brief vom 11.11. Du wolltest die Ausgaben für Zigarren jetzt immer anschreiben.
Am Mittwoch war Mittwochsgesellschaft bei Petersen. Ich kam mit dem Auto (besser der Autoladung Popitz 10 Minuten vor dem Alarm nach Hause, während die Ladung Sauerbruch natürlich in Nicolassee hängen blieb. Dieser Alarm war kurz, und man hat über die Vorfälle dabei nichts erfahren. Sehr viel unangenehmer waren die beiden Alarme zum Freitag. (8.50-1.05  2.45-4.30 ungefähr.) Beim ersten gab es ein furchtbares Getöse in unmittelbarer Nähe, anscheinend auch Maschinengewehrfeuer aus dem Flugzeug. Während
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| des zweiten wurde sichtbar, daß die Domäne lichterloh brannte. Aber das Feuer wurde in etwa 1 Stunde durch Soldaten und Feuerwehr bekämpft.
Am Morgen fand Ida auf dem Boden ein Metallstück größer als einen Maiskolben (hohl und fragmentarisch), das das Dach nach der Hertzseite durchschlagen hatte. Auf dem Kiebitzweg lag ein großer Maschinenteil 8 m vor dem Hause Kilian (Luftschutzwartin) Es war also ein Flugzeug (das 2. in Dahlem!) abgeschossen worden. Der Benzintank soll auf den Kuhstall der Domäne gefallen sein und den Brand versursacht haben. Dabei sind mehrere Kühe zugrundegegangen. Leichenteile der Piloten lagen herum. Das 2. Haus in der Lansstr. ist schwerer beschädigt als unsres, aber in ähnlicher Art. Vom sonstigen hat man nichts erfahren, ganz wie damals als 30 meiner Hörer aus den Vororten der
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| Stettiner Bahn fehlten. Hingegen liest man viel von Coventry.
Am Nachmittag vor diesem Evenement waren wir mit Kruegers (früher Leipzig) beim General v. Voß zum Kaffee.
Der Vortrag in Hamburg soll am Sonntag 24.XI. vorm. sein. Wenn es in Berlin so unruhig bleibt, wird mich Susanne vielleicht begleiten. Vom Text habe ich die Hälfte. Ich habe mich nach langem und ernstlichem Schwanken doch entschlossen, "Die Weltfrömmigkeit" erscheinen zu lassen. Sie ist nun so vorsichtig gefaßt, daß viele Anstoß nehmen werden. Vermutlich werden alle Anstoßen nehmen, "gleichviel, so oder so."
In dieser Sache war der Dr. Hubele vom Verlag Klotz Montags bei mir, nachm. Herr u. Frau Pfarrer Horn v. d. Neuen Kirche. Am Dienstag gingen wir aus dem Vorleseabend Kolbenheyers, den ich wenigstens begrüßt habe, aus Vorsicht noch vor dem Anfang fort. An dem Abend kam aber nichts.
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Das "Reich" möchte am liebsten alle 14 Tage einen Aufsatz von mir haben. Aber diese Zersplitterung muß jetzt aufhören, wenn ich überhaupt jemals wieder zu dem Buch kommen soll. Seeberg jr., viel geplagt, nachdem er selbst es an Ränken nicht hat fehlen lassen, war heute vor 8 Tagen da, um sich auszuklagen. Über das Personelle herrscht allgemeiner Pessimismus.
Du fragst nach dem Alter von Alfred. Er muß 16-17 Jahre sein (übrigen militärdienstuntauglich.) Die Italiener scheinen in Epirus nicht vorwärtszukommen, und von Ägypten hört man auch nichts mehr.
Nimm mit diesem kurzen Bericht vorlieb. Das Dach konnte noch nicht geflickt werden. Denn unser Dachdecker hat in Wannsee zu tun, wo der unmittelbar vorher wütende Orkan (furchtbar!) ein ganzes Dorf weggerissen hatte.
Viele innige Grüße und nochmals herzlichen Dank!
Dein
Eduard.

[] Susanne führt ihr eignes Korrespondenzkonto.