Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Dezember 1940 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Dahlem
Fabeckstr. 13>
14.12.40.
Mein innig Geliebtes!
Ich bin heute Abend, am Schlußtage der Vorlesungen, abnorm müde und kann Dir nur einen vorläufigen Brief schreiben. Die Weihnachtszeit, für mich die schrecklichste und anstrengendste des Jahres, wirft schon ihre Schatten voraus. Eine Woche mindestens aufarbeiten, eine Woche Weihnachtstrubel, eine Woche Vorarbeit für das neue Trimester (zu wenig!), das sind die sog. Ferien. In diesen Tagen gehen die Aufsätze zum Geburtstag von Litt ein, womit ich auch eine ungeheure Schreibarbeit habe, und meine Schreibhilfe kommt in diesem Monat wohl nur - zweimal. Ich werde kaum nach Leipzig fahren können. Diese Anstrengung am 3./4. Feiertag halte ich einfach nicht aus. Und nach dem lärmenden sächsischen Kreise habe ich wenig Verlangen in dieser Zeit.
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Die "Weltfrömmigkeit" ist zwar gesetzt, kommt aber vor Weihnachten nicht mehr heraus. Leider kann ich Dir auch mit dem Pinder nicht "dienen". Das Buch ist vergriffen, und mein Exemplar brauche ich in der nächsten Zeit selbst.
Heinz wandte sich an mich wegen eines ihm von s. Kommandeur auferlegten Kantvortrages. Ich habe ihm, glaube ich, mit 2 Schriften und Auskunft sonst einigermaßen helfen können.
Die Mittwochsgesellschaft ist in erfreulicher Blüte. Zu der schon mehrfach erwähnten neuen Acquisition ist nun auch noch der Schwiegersohn unsres berühmten greisen Mittenwalder Bekannten von 1928 (?) gekommen. Ich habe mich gleich mit ihm sehr gut verstanden. Vielleicht sind wir 3 durch ähnliche Erfahrungen gegangen und deshalb gut aufeinander abgestimmt.
Hingegen ging eine große Habilitationsarbeit von 300 Seiten sehr
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| auf die Stimmung. Ich habe sie "allen Gewalten zum Trutz" abgelehnt. Mag daraus werden was will. Ebenso eine Konjunkturarbeit, die mir die Theol. Fakultät zuwies. Zu eignem bin ich infolgedessen nicht gekommen. Die Vorlesung litt unter etwas wechselndem Besuch, ist aber heute mit fast 250 ganz gut zu Ende gekommen. Die Tochter von Popitz und der Sohn von Lietzmann haben ihren Vätern manches berichtet, was mir dann zu Ohren kam. Das Seminar wurde immer lahmer, und lieferte den Beweis, daß es so nicht geht.
Die Lehrerhochschulen sind nun eines sanften Todes gestorben. Die anderen Schulen erinnern an die Zigarrengeschäfte, in denen Kisten noch am Schaufenster zu sehen sind.
Wenke, immer rührig und tüchtig, war zweimal hier. Sauerbruch liebt ihn sehr.
Ich hatte noch etwas Grippenachwehen. Wir waren trotzdem in dieser Woche 2mal "aus", bei einer Winckelmannfeier und heute in der Gesellschaft für Ostasiatische
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| Kunst, wo wir Herbert wiedersahen, ergiebig wie immer.
Am Montag haben uns die japanischen Studenten zum Tee eingeladen. Die Ordensgeschichte ist noch keinen Schritt weitergekommen. Der Gesandte Wagner in Mandschukuo hat uns Tee geschickt, andere Freunde Nützliches aus Tientsin.
Auch wir hatten hier - 39 Strich Barometer. Das Dach ist endlich gestern repariert worden.
Es ist nicht gut, daß Du mit der Kühn wieder angefangen hast. Solche mehrfach geleimten Sachen halten nicht. Ich bin garnicht mehr für Menschen, mit denen man "eigentlich" auseinander ist, gestimmt.
Einen Pelz habe ich natürlich nicht gefunden. Ich kann mich überhaupt nicht um Weihnachten kümmern.
Mögest Du besser gestimmt darauf losgehn. Ich grüße Dich innigst.
Dein
Eduard.