Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. Dezember 1940 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Dahlem
Fabeckstr. 13>
21.XII.40.
Mein innig Geliebtes!
Der Weihnachtstrubel ist nicht geringer als alle Jahre; diesmal kommt die Fertigstellung des Pandorakastens für Litt hinzu, der mit 30 Beiträgen heute glücklich abgehn konnte. Die Stimmung ist nicht so, daß Du einen gesammelten Weihnachtsbrief erwarten dürftest. Wir haben diese Nacht, in der der 1. Alarm von 10 ¼ bis 1, der zweite von ¾ 5 bis nach 7 dauerte, nur sehr wenig geschlafen. Trotzdem muß ich heute mit dem Schreiben beginnen. Denn Eure Post pflegt noch schlechter zu sein als unsre nicht fehlerfreie.
Wir sind in der letzten Woche überhaupt nicht aus Ostasien herausgekommen: Sonnabend Vortrag im Verein für ostasiatische Kunst (mit Herbert), Montag Teeeinladung vom Japanischen Studentenverein (recht nett, aber strapaziös wie die Höflichkeiten in Japan.) Dienstag Empfang beim Japanischen Botschafter zur Danksagung (ein liebenswürdiger Herr nicht ohne Humor.) Mittwoch Hintergrundbilden für die Überreichung einer deutschen Bücherspende an den mandschurischen Gesandten. (immer anregende Begegnung mit Frau Solf.) Donnerstag nach der Akademie 2600 Jahrfeier von seiten der Japanisch-Deutschen Gesellschaft. Ça suffit.
Der Angriff am Sonntag (zu Montag) war nicht ohne Erfolg. Die U-Bahn zwischen Witt. u. Zo war 2 Tage unterbrochen, und auch die Wannseebahn hatte etwas abbekommen. Was heute Nacht passiert ist, wissen wir "eigentlich" noch nicht. Am Anhalter Bhf., wo etwa gewesen sein "soll", war mindestens nichts zu sehen. Bei Wertheim am Alexanderplatz war ein Dachschaden, mit dem sich heute um 17 noch die Feuerwehr beschäftigte.
Da Flora im günstigsten Falle 2 mal im Monat kommt, habe ich keine Schreibhilfe und kann
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| infolgedessen immer höchstens die Hälfte von dem erledigen, was eingeht. Es sind z. B. im Dezember mindestens 15 Buchdedikationen gekommen. Weihnachten ist nur ein struggle for life, und ein nicht gelingender.
Wie denkst Du denn Deine Weihnachtstage einzuteilen? Die Winterei hat ja wohl glücklich ein Ende. Vielleicht bleibst Du am 24.XII. wieder zu Hause? Im Hinblick auf Mannheimer Ereignisse (es geht jetzt auf Brücken und Eisenbahnen) wäre dies ganz klug und vielleicht auch wohltuend. Mir fehlen solche ganz stillen Stunden der Besinnung sogar. Am 24. kommt Röschen zu Mittag, dann Hennings. Am 25. sind wir mittags in Potsdam. Für den 26. mittags wollen wir die arme, tapfere Frau Biermann einladen.
Am Heiligen Abend werden wir beide innerlich verbunden und einander nahe sein wie stets. Wir werden auch ohne Worte die gleichen Gesinnungen gegenüber dem Zeitgeschehen haben. Und also sage ich nichts. Denn das schönste Verstehen ist, wenn der andre voraus weiß, was man sagen will. Ich darf auch gewiß sein, daß Du Dich nicht einsam fühlen wirst. Einsam ist nur, wer nicht liebt.
Wolfgang Scheibe wohnt jetzt in der Brunnenstr. Und gehört also zur Freßversorgungsklientenschaft von Susanne. Eine nähere Kenntnisnahme voneinander wäre wohl ohne besonderen Ertrag.
Ich fahre nicht nach Leipzig, weil ich davon ein zu großes Minus an Kräften für mich befürchte. Am 5.I. rede ich hier in der Goethe-Gesellschaft, am 15.I. beginne ich das Trimester; am gleichen Tage ist Mittwochsgesellschaft bei mir. Ende Januar soll ich in Dresden reden.
Das Kalenderchen - Auswahl war nicht - liegt bei. Eine ganz kleine Weihnachtssendung ist abgegangen, und eine von Dir soll bereits eingegangen sein.
Sei mir innigst gegrüßt im weihnachtlichen Sinne. Ich grüße Dich auch im Namen von Susanne, die jetzt ungeheuer zu tun hat, so daß sie es vielleicht nicht selbst tun kann.
Innigst Dein Eduard.