Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Dezember 1940 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 29.XII.40.
Mein innig Geliebtes!
Deine reiche Geschenksendung war rechtzeitig da und hat uns beide herzlich erfreut. Mit Bewegung erkenne ich das Bild wieder, das in so anderen Zeiten entstanden ist. Die künstlerische Umrahmung ist sehr vielsagend und schön. Ich bin mir klar darüber, daß dieser Kalender mich und Dein kleiner Dich in das ernsteste Jahr geleiten, die wir je erlebt haben. Ob wir bis an sein Ende gelangen, steht in höherer Hand. Wir aber sind innerlich fest.- Der Yxem - wo hast Du ihn her? - interessiert mich in vieler Hinsicht. Bei Moltke las ich neulich, daß er schon 1828 an der Univ. Berlin eine Vorlesung über Goethe gehört habe. Das ist ein fast ebenso frühes Zeugnis, daß Goethe eine historische Größe wurde. Der Spilleke ist in der preuß. Schulgeschichte als Realschulmann sehr wichtig. In der Quarta steht als Ordinarius Dr. Wiese, der sein Schwiegersohn und später als Geheimrat der Leiter des preuß. Schulwesens wurde. Er hat auch "Briefe über engl. Erziehung" geschrieben, die ich besitze. - Die Süßigkeiten sind mit Dank aufgefressen und haben ihre Bestimmung erfüllt.x) [li. Rand] x) Cigarren "kommen auf Rechnung"
Den beifolgenden Aufsatz der kleinen Kohler finde ich als solchen sehr nett. Aber wir beide empfanden unisono die Themastellung als unpassend.
Am Heiligen Abend war Frl. Wingeleit, die immer mehr zusammenfällt, zu Mittag bei uns und auch noch mit Hennings bis 5. Dann gingen wir alle (außer W.) zur Christvesper in die kleine Kirche. Am Abend las ich noch in den Büchern, die Sus. mir geschenkt hat: " Fontane oder die Kunst zu leben" u. "Otto Fischer, Wanderfahrten eines Kunstfreundes in China u. Japan." Letzterer hat 1925 vieles besucht, was auch wir gesehen haben, und selbst manche bekannte Personen treten auf. Den ungestörten Abend empfanden wir doppelt angenehm, nachdem der letzte Angriff beträchtliche Zerstörungen, auch in Potsdam, gebracht hatte. Am 1. Feiertag waren wir um 1 Uhr zum Putenbraten in Potsdam; auch der
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| Leutnant Werner war da u. beglückte mich mit echtem französ. Cognac. Die Stimmung ist dort immer etwas matt, da er (Honig) an periodischen Depressionen leidet. Abends wie an allen Tagen seitdem nichts als Korrespondenz. Am 2. Feiertag um 1 kam Frau Biermann, die tapfere, zu einer harten, aber gut gebratenen Gans. Am 3. Feiertag besuchten wir Frau Maier und Tochter (letztere als römische Orientierung wenig ergiebig.) Gestern endlich reisten wir zu Frl. Mai (via Wollankstr.) Wir fanden die 85jährige geistig sehr munter und in einer aufgeklärten Umgebung. Sie klagte weinend, daß sie seit einem Unfall nicht mehr gehen könne. Anscheinend hat sie noch kein weißes Haar.
Die Stimmung konnte nicht glänzend sein; sie leidet aber auch darunter, daß ich mir wegen der "Accidenzschreiberei" keine ordentliche Arbeit vornehmen konnte. Wenn diese lästige Jahreszeit vorbei ist, ist es höchste Zeit an das neue Trimester zu denken.
Geschenke kamen von den gewohnten Seiten, doch beunruhigt mich das Ausbleiben einer Nachricht von Kiehms. 4 herrliche Azaleen, Backwerk, Rauchwerk, Kalender, mehr Lyrik, als ich konsumieren kann [neben der Zeile] 3 Fl. Wein von Japanern. und dgl. Von einer Seite erhielt ich ein sehr passendes Bild: der Humanist im Luftschutzkeller. Als ein Rembrandt ist es es mir bisher nicht begegnet.
Der Kasten für Litt ist am 20.XII. sorgfältig verpackt, gesondert von den 30 Beiträgen, abgegangen und schon am 21. beschädigt in Leipzig angekommen. Die Feier (mit 45 Teilnehmern) soll sehr nett verlaufen sein. Von Litt direkt habe ich noch nichts gehört.
Anderl teilt mit, daß Hansens Frau plötzlich gestorben sei; von Felizitas nichts.
Mein Budapester Vortrag ist auf Ungarisch erschienen. - Der Nachrichtendienst beginnt zu tröpfeln: Heute um 5 kommen Meineckes. Morgen wollen wir mit Hedwig Koch nach Woltersdorfer Schleuse. Aber es gießt heute bei starkem Wind.
Mittagspause.
Inzwischen waren bei Sturm und Regen Meineckes zum Kaffee bei uns. Ja, die leben noch aus innerem Feuer. Er hat veranlaßt, was ich Dir schon lange schreiben wollte, daß von dem Hillebrandt einiges neu gedruckt wird. Sie wollte etwas von Adeles pol. Bekehrung wissen. Nanu? Im übrigen kann ich heute nicht weiter schreiben. Ich bin durch die 75-100 Postsachen, die ich vor Neujahr erledigen mußte, wie ausgenommen. Aber zu Silvester möchte <li. Rand> ich doch bei Dir sein, ihm kühngesäuberten Stübchen. Wir wollen nicht die üblichen Ausdrücke austauschen. Es bleibt im besten Falle bei dem "Licht über Dornen." Vielleicht auch bald ohne äußeres Licht. Im Innern scheint es hell. So wird es in und zwischen uns bleiben.
Innigst Dein
Eduard.

[re. Rand] Deine lieben Briefe bis zum 19.XII habe ich alle. Heinz hat auch geschrieben.