Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. Januar 1940 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. Januar 1940.
Mein geliebtes Herz!
Wie kann ich es nur machen, daß die sichtbare Verbindung zwischen uns sich wieder herstellt? In Dielbach faßte ich mich in Geduld, denn es kam dort überhaupt keine Post. Aber mit Sehnsucht erwartete ich die Nachsendung der Sachen, die dorthin zu spät nachkamen. Heut sind sie nun hier, aber es ist nichts dabei, weder von Susanne noch von Dir. Wäre es nach dem 4. hier eingetroffen, dann hätte ich es direkt bekommen, also es war überhaupt nichts unterwegs und so war also die letzte Nachricht von Dir am 22.XII. abgegangen und erreichte mich genau zum 25. [über der Zeile] 4., wie ich Dir schon schrieb. - - Bei diesen zweifelhaften Postverhältnissen möchte ich nun doch erwähnen, daß ich vor Weihnachten 3 [über der Zeile] 2 Briefpäckchen an Euch schickte und 1 Doppelbrief. Die 2 gingen gleichzeitig an Dich und Susanne, der Brief, der auch den Kalender enthielt am 20. oder 21. - Dann schrieb ich Dir noch einmal "zwischen den Jahren", und gestern an Susanne, den Dank für Eure Weihnachtsgeschenke, die ich am 31. bekam, kurz ehe ich nach Dielbach fuhr.
Doch nun zu Besserem! Da ist z. B. der Kalender "Technik voran", der mich eigentlich etwas erstaunte,
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| aber ich dachte, solche Belehrung kann nichts schaden. Gestern abend nahm ich das Büchlein mal wieder zur Hand und da entdecke ich das Schlußwort des Ganzen. Das war eine richtige Julklapp-Überraschung. Im übrigen kam ich in diesen 2 Tagen noch nicht zum Lesen, denn es ist immer viel Lauferei wegen der Karten, der Einkäufe und der Besuche. Natürlich mußte ich doch schnell zum Vorstand, auch Frau Ewald suchte ich auf, und Frau Drechsler. Die beiden letzteren sind krank und zwar recht ernstlich. Heut will ich noch zu Adele, die mir auch Sorge macht. - Wie ich die Weihnachtstage zubrachte, schrieb ich Dir ja schon. Und über Dielbach berichtete ich an Susanne. Dort bin ich dann so unvermerkt ins neue Jahr hinüber geglitten, ein Jahr dem wir wohl mit Recht ganz besonders besorgt entgegensehen. Mein Gefühl dabei ist vor allem der Wunsch, daß wir die Kraft haben möchten, es tapfer zu bestehen. - Solche Gedanken verbinden auch Gertrud Kohler und mich in stiller Abendstunde. Denn für sie ist es so schwer, die ständige Ungewißheit über das Schicksal des Gatten zu tragen, denn wenn er wirklich jetzt aus Frankreich zurückkäme, wer weiß, ob er nicht sofort ins Elsaß verschickt würde. Dabei wäre seine Gegenwart gerade für die zweite Tochter Trautel recht nötig. Das Kind ist nicht ganz normal und es entstehen mit ihr oft die unvermutetsten Schwierigkeiten. So hat sie am Abend, als Gertrud mit dem Mann vor seiner
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| Abreise bis Heidelberg mitfuhr, durch einen Fußtritt den eisernen Ofen umgeworfen, sich dann im Badezimmer eingeschlossen und dort das Fenster eingestoßen. Eine Schwester von Gertrud war im Hause, und es entstand auch weiter kein Schaden als ein Paar Löcher in der Diele und dem Teppich, aber du kannst Dir die Aufregung denken. Dabei ist das nicht etwa Absicht bei Trautel, sondern ihre plumpe, unbedachte Art. - Umso mehr Freude hat man von den beiden andern. - Diesmal kam ich schon mit einem Katarrh hin, und habe ihn trotz des rauhen Wetters dort abgelegt. Seine Zeit war eben abgelaufen. -
Als kleine Tröstung wegen der ausbleibenden Nachricht von Dir bekam ich heute zwei besonders liebenswürdige Briefe: von Prof. Seidel und von Anne-Marie Böttcher. - Beiden schrieb ich nicht!
Wenn ich nur wüßte, daß nur Zeitmangel die Schuld trägt an deinem Schweigen, dann wäre ich ja geduldig. Aber man macht sich immer gleich dunkle Gedanken. - - Von der Welt im Schnee habe ich nicht viel gesehen, denn ich ging da oben nur vom Auto ins Haus, und wieder ins Auto zur Rückfahrt. Nur einmal rief mich Gertrud ans offne Fenster, als sie fälschlich glaubte, in der Ferne schießen zu hören. Da stand der Mond über dem weißen Land, den verschneiten Hütten, dem dunklen Wald, und dicht dabei strahlend Jupiter und Saturn. Es war sehr still und sehr schön, man
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| hätte von Frieden träumen können. - Es ist aber selten jemand, der mit Zuversicht davon spricht.
Am Sonntag war dein Vortrag in der Goethe-Gesellschaft. Wie hieß wohl das Thema? - Ich habe doch oft ein rechtes Verlangen über ernste Fragen mit Dir reden zu können. Wenn man auch des andern gewiß ist, und wenn er auch nicht viel mehr wissen kann, so ist es doch wohltuend. - Übrigens von Emmy hatte ich auch einen netten Brief. Du wirst hier die Ideenverbindung begreifen!!
Ich hoffe, daß Päckchen und Briefe Dich alle erreicht haben und dir ein klein wenig Freude machten.
Dir und Susanne sehr herzliche Grüße.
Immerdar
Deine Käthe.