Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. Januar 1940 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18.I.1940
Mein Liebstes,
wenn ich Dich noch vor der Reise nach Aachen erreichen will, dann muß ich eilen, und muß diesen Zettel noch in der mondhellen Kälte zum Postkasten bringen, damit er morgen früh um 6 Uhr geholt wird. Ich habe ja zwar den herzlichen Wunsch, daß man Dir aus irgend einem Grunde den Vortrag absagen möchte, damit Du nicht die weite Fahrt in dieser mörderlichen Winterkälte machen mußt. Du hast doch ohnehin mit einem Katarrh zu tun. Aber ich fürchte es ist ein frommer Wunsch!
Wie froh bin ich, daß Ihr Brennmaterial bekommen habt. Wie weit es reicht, ist ja vorläufig Nebensache; wir leben ja ohnehin beständig wie der Vogel auf dem Zweig. Es fehlt mir sehr, daß ich nicht mal mit Dir reden kann, denn es wäre sehr nötig, mir allerlei Lichter aufzustecken. Meine guten Freunde hier wissen alle nicht mehr
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| als ich, und ich halte mich möglichst fern von all den umherschwirrenden Gerüchten, die nur aufregen, ohne Einsicht zu geben. Adele z. B. schrieb mir, sie müsse mich sprechen wegen einer Rede, die sie "krank" gemacht hätte. Trotz Schnee und 12° war ich dort - - und da hatte sie die Sache ganz vergessen!!
Erfreulich ist die Nachricht, daß Haebler Ende des Monats für 2 Tage nach Heidelberg kommt und seinen Besuch angemeldet hat. Im übrigen nehme ich keine Wochenkarte mehr und fahre so selten wie möglich in die Stadt. Jetzt habe ich drei Tage vor mir, die mich nicht raus locken werden: morgen kommen die 2 alten Ehepaare zu mir, die mich immer so freundlich einladen, und denen ich mit deiner "Königsrede" eine Freude machen werde. Am Sonnabend will Rösel Hecht mich zu einer Tasse holländer Kaffee beehren (die andre Hälfte ist doch hoffentlich gut bei Euch angekommen?) und am Sonntag denke ich Gertrud Seidel ebenso zu beglücken. Das sind so meine weltbewegenden Erlebnisse. Und über das was wirklich vorgeht,
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| macht man sich so seine Gedanken, man beobachtet, was man an Tatsachen erfährt und weiß, "daß man nichts weiß."
Noch immer habe ich ein grenzenloses Schlafbedürfnis, allerdings noch mehr dann, wenn es nicht an der Zeit dazu ist. Über den Besuch der Universität habe ich noch nichts gehört. Vielleicht erfahre ich da mal was am Montag bei Frl. Anna Weber. Ich wundere mich eigentlich jedesmal, sie noch am Leben anzutreffen, und meist sogar imstande, einige Karten zu diktieren. Schade, daß ich nicht auch für Dich Schreiberdienste tun kann! Das wäre mir eine wahrhafte Freude. - - Ob das Briefpapier, daß ich noch für Dich auftrieb, Dir garzu schofel ist? Aber es weiß ja doch ein jeder, daß es damit knapp ist. Und drum will ich auch diesen Bogen nicht weiter strapazieren, sondern nur noch viele herzliche Grüße anfügen, auch für Susanne, und die Bitte, so vorsichtig wie möglich mit deiner Gesundheit <li. Rand> umzugehen. Von Herzen, wie immer,
Deine Käthe.

[li. Rand, S. 1] Von Heinz kam ein Briefchen anfang Januar.