Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7./8. Februar 1940 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7.II.1940.
Mein geliebtes Herz,
bei Euch muß es schlimm sein mit dem Kohlenmangel! Deine rührende Besorgnis für mich läßt mich spüren, wie sehr Du unter dieser Kalamität leidest. Könnte ich Dir doch die gemütliche Wärme verschaffen, die hier im Hause mindestens am Nachmittag immer ist. Auch morgens, solange ich doch häuslich beschäftigt bin, stört es nicht, wenn es kühler ist; aber zu frieren brauche ich überhaupt nicht. Auch die Mauer von Schnee, die bei uns besonders ungehemmt gewachsen war, hat sich seit zwei Tagen sanft zusammen geduckt und die Dachlawinen haben allenthalben gründlich abgeräumt. Endlich ist das Winterbild wieder gewichen, aber die ungepflasterten Gehwege sind zu Brei geworden! – Unsre neu eröffnete Universität blüht, hat fast 1600 Immatrikulierte. Statt dessen sind die Schulen geschlosssen, so viel ich weiß, auch die Volksschulen, und werden auch so bald nicht geöffnet; die Räume sind anderweit zu belegen. Wir sind hier nämlich Etappe. –
Daß Du in Zukunft nicht mehr in Verlegenheit gerätst bei einem Gruß für den Vorstand, deswegen ist die Straße umgenannt. Weil darin das Heim der alten Tanten ist, darum heißt sie jetzt Dantestraße, und weil dabei manch böse Sieben ist, hat das Haus No 7. – Ich verstehe so gut, wie Dich die Kälte lähmt. Ich empfinde das von jeher im Winter, wie viel mehr in diesem Jahr! Etwas Schönes und Belebendes war dagegen die "Hausmusik"
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| bei Gretel Franz am Sonntag. Jedes war in seiner Art vorzüglich – aber besonders schön war der Händel und die Beethoven-Lieder. Gretel Franz spielte famos und Fräulein Schlier hat eine prachtvolle Stimme und natürlichen Vortrag. – Kennst Du den Mozart? Sehr merkwürdig ist der Anfang und man müßte es öfter hören, um damit bekannt zu werden.
Ich schicke Dir die Besprechung von Georg Weises Buch mit, die mir Anna sandte. Wie es scheint, legt er den Ton auf das Beharrende und will ein langsames Vorbereiten des Neuen nicht gelten lassen. –
Das Wort von der Spiraltendenz des Lebens liegt mir wieder im Sinn, denn dein Berliner Vortrag hat mich veranlaßt Deine Abhandlung über Altensteins Denkschrift vorzuholen – aus dem Jahre 1906! (Auf der Widmung steht: Berlin, den 10.I. – weißt Du noch, da waren wir in Potsdam?!) – Auch dein Beitrag in der Erziehung: "Wie erfaßt man einen Nationalcharakter?" ist recht verspätet in meine Hände gekommen und beschäftigt mich. Du machst es sehr deutlich, wie willkürlich die Bilder sind, die man sich von fremder Wesensart macht, und schließlich ist das Gesuchte in seiner staatlichen Ausprägung auch ein Wandelbares. Das sehen wir doch recht deutlich an unserm eignen Volk, wenn wir es vergleichen, wie es vor 100 Jahren war und jetzt ist. Oder ist der Unterschied nicht so groß wie wir meinen? Ist nicht die Schilderung, die Schleiermacher von den Zuständen gibt, verblüffend? Sollte, was damals möglich war, sich nicht in anderer Form auch wiederholen können? Ich möchte eben doch immer wieder an eine Erneuerung deutschen Wesens glauben in dem
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| Sinne, den ich als deutschen Volkscharakter liebe und wie er unter der heute so – rauhen Oberfläche überall schlummert.
– – Daß ich von Heinz gute Nachricht hatte, schrieb ich schon an Susanne. Otto Kohler wird auch Mitte Februar mal wieder in Urlaub kommen. Wenn nur nicht hinter allem die Besorgnis vor dem Frühling stände! Man prophezeit ein frühes Frühjahr und draußen rüttelt der Wind schon so an den Fensterläden, daß man fast an baldige Äquinoktialstürme denken könnte. –
Von dem sonderbaren Buch, das ich zum Andenken an Fräulein Anna Weber bekamx, [li. Rand] x es heißt: Ströme der Liebe.! schrieb ich wohl schon? Ich kann mich nicht damit befreunden, und vor allem frage ich mich immer: warum bestimmte sie mir dies? Die 80jährige Schreiberin, Frau Hedwig Heyl, hat ganz gewiß viel Verwandtes mit Anna Weber, sie sind beide gute Typen aus der Zeit der Frauenbewegung. Aber dieser Briefwechsel entspricht dem Geiste der Verstorbenen doch garnicht. Oder kannte ich sie so wenig? –
Gestern war ich mal wieder bei Frau Ewald. Sie hatte tags zuvor wieder einen Anfall – wie sie meint: Ohnmacht, und ihre Sprache war ziemlich verworren, während man spürt, daß ihr Denken klar ist. Wie traurig ist es mit all diesen kümmerlichen alten Leuten. –

8.II. Es war gestern abend schon recht spät geworden, nun will ich heut nur rasch noch den Dank für Susannes Brief beifügen. Ich werde ihn bald an sie selbst wiederholen. – Wie lange sind eigentlich immer
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| die Briefe unterwegs? Es ist schwierig, die richtige Ankunft zu berechnen. Dein Brief mit der Karte für Aenne, für die sie übrigens herzlich dankt, ist abgestempelt: Berlin S.W.11./ 31.1.40,/ 21 und ich bekam ihn am 3.II. Bei uns wird nur noch einmal ausgetragen, und zwar kommt der Postbote hierher zwischen 11 u. 12 Uhr. – Eigentlich hatte ich heut den Vorstand zu mir herausholen wollen, ehe die Wege ganz ungangbar sind. Doch es war ihr nicht danach. Aber sie erzählte mir, daß sie Deine Karte nochmals gelesen hätte und war voll Bewunderung, wie Du mit wenigen Worten so viel ausdrücken kannst. Bei ihr wird nun das Schreiben immer schwächer und ich werde wohl die Stelle als Privat-Sekretär jetzt bei ihr antreten, da mein andrer Posten ein Ende hat. –
Ich hoffe, daß der Rückschlag in der Temperatur nun auch bei Euch vorüber ist und daß man mit den Kohlen etwas weiter reichen kann. Es ist doch ein großer Fehler in der Einteilung des Kellers, daß man nicht den nötigen Wintervorrat lagern kann. Oder ist die Heizungsanlage schuld, daß sie zu viel verbraucht? Ich halte ja bekanntlich äußerst wenig von den Künsten des Herrn Krahl.
Wie nötig wäre es, sich einmal wieder zu sprechen! Also am 26. redest Du in Stettin? Warum ist Frankfurt nichts geworden? –
Sei innig gegrüßt und laß es Dir so gut gehen, wie irgend möglich.
Deine
Käthe.