Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Januar 1941 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 22.I.41.
Mein innig Geliebtes!
Es ist Arbeit bis über die Ohren. Die heut erwartete Flora ist wieder krank. Ich habe einen Stoß Briefe mit der Hand schreiben müssen und so die doppelte Zeit gebraucht. Die Post ist z. Z. enorm, auch aus Griechenland und aus Japan. Trotzdem muß ich Dir wenigstens ein kurzes Lebenszeichen geben.
Ich kann nicht leugnen, daß ich den schwarzen Verdacht gehabt habe, du hättest die Angabe " bei Lehrer Kohler " fortgelassen. Du bist aber glänzend gerechtfertigt, und nur der Schnee hat Schuld. Daß Dir die Winterreise gut bekommen ist, freut mich sehr, und die Kühn paßt auch zu Dir.
Woraus ergibt sich, daß der Humanist im Luftschutzkeller ein Rembrandt ist oder sein soll?
Die Reise nach Jena sollte nach meinem Wunsch sich noch bis in den März hinausziehen. Dann ist das Wetter sicherer.
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| Bei der Assoziation Jena erwähne ich noch, daß der scheidende Japan. Botschafter, bei dem wir gestern zum Abschiedsmassentee waren, sich tatsächlich an Zeiß gewandt hat.
P. K. im Lokal-Anzeiger ist ein verschlafener Berufsjournalist, dem ich sogar noch mein klar gegliedertes Ms. überlassen hatte.
Die Kiehms haben beide geschrieben, die kleine nur allzu ausführlich.
Ich lege Dir hier die wiederholte "Zahlungsaufforderung" bei. Vielleicht kannst Du ohne Mühe im Hause etwas über den Leumund feststellen, oder in der Kinik, wo er beschäftigt war. Ich sehe garnicht ein, weshalb ich wegen einer Namensgleichheit Geld schicken soll, und dann natürlich fortlaufend.
Am 15.I. habe ich die „Einl. in die Geisteswissenschaften“ mit ca 180 begonnen; heute näherte sich die Zahl schon fast wieder 300. In der Gesch. der Päd. 19/20. Jhrhdt waren knapp 100. Im Seminar (Kps.) werden es über 30.
Hingegen war die Mittwochsgesellschaft
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| aus allerhand Gründen sehr schwach besucht, mit mir nur 9 Herren. Von diesen ging Herr v. Hassell noch früher fort. Aber die Anwesenden hörten den Vortrag über das Wesen der Lebensalter, insbesondere der späteren, mit Interesse an und blieben ganz angeregt bis 8. Mit Beck verstehe ich mich immer sehr gut.
Frankes sind wieder da, gehen aber fort, sobald es nach Mannheim (oder Bremen, Wilhelmshaven) riechen sollte. Und es kommt sicher sehr dick.
Ich habe durch den Abschied meines letzten Zahnes oben viel Zeit verloren und mich 2½ Tage mit einem schlecht sitzenden Reservegebiß behelfen müssen. Sonntags waren wir zum Gottesdienst in der sehr leeren, zugigen Neuen Kirche; dann bei Frau Solf, die in einem der 3 noch stehenden Häuser in der Alsenstr. wohnt. Die übrigen sind von uns abgerissen. Nachm. kamen Laportes. Es ist jetzt fast jeden Tag eine Veranstaltung. Außer der japan. habe ich alles abgesagt. - Seit heute regnet es hier auf den beträchtlich hohen Schnee.
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| Susanne "betreibt" die Einrichtung eines Telephons; ich sehe mit gemischten Gefühlen zu.
Das Programm der nächsten Zeit ist folgendes: morgen 23. Friedrichssitzung der Akademie, 25. Staatswiss. Gesellschaft, 27. Sitzung über Berufserziehung. 28. bei Wallners, 29. Mittwochsgesellschaft. Am Montag 3.II. Vortrag in Dresden. Am 3.III. in Stettin; am 10.III. in Hamm. Etwas zu viel, neben allem anderen und den Mss., die in Massen kommen werden.
Dies wäre wohl das Wichtigste vom Tage. Im übrigen lese ich die Berichte über Amerika nicht ohne Besorgnis. Mit gleichen Gefühlen höre ich über Österreich und Elsaß. Unsere östlichen Freunde scheinen auch recht unzufrieden. Das ist ein weites Feld.
Wir beide wünschen Dir gute Gesundheit und ruhige Nächte. Viel innige Grüße
Dein
Eduard.