Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Februar 1941 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 9. Februar 1941.
Mein innig Geliebtes!
Wir schwimmen hier heute fort. Von 7° Kälte am Freitag früh sind wir auf 4° Wärme Sonnabend Abend gekommen. Da der Schnee noch nirgends abgefahren war - das geschieht höchstens in der innersten Stadt, - kannst Du Dir die Suppe denken. Dein heut eingetroffener lieber Brief berichtet über Ähnliches in Heidelberg (und über die Grippe dort!) Da Du schon hustest, bitte ich, doch ja Vorbeugungsmittel zu nehmen. Cebion soll in dieser Jahreszeit gut sein. Schicke mir die Rechnung alsBeleg!. Sie wird beglichen. Ich nehme es regelmäßig. - In den zeitraubenden und kostspieligen Bemühungen um die 3. Zähne gehen wir auch wieder konform.
Unter meinen Besuchern waren solche aus der Gegend v. Wilhelmshaven. Dort muß es ähnlich gewesen sein wie in Mannheim. Heute ist nun Bengasi gefallen, und ich bin überzeugt, daß die Engländer auch
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| Massaua in die Hand bekommen. In Verbindung mit der Aktivität der Amerikaner auf englischer Seite sind das wenig erfreuliche Sachen. Man wird sich auf sehr lange Zeit einrichten müssen. Der japanisch-chinesische Krieg dauert ja auch schon 3¾ Jahre.
Die beiden Züge zwischen Dresden und Berlin, auf die ich reflektierte, gingen beide nicht. Auf der Hinreise gab es eine Stunde später einen bequemen Ersatz. Ich wohnte in demselben Monopol-Hôtel, wo wir schon 1917 gewesen sind und ich dann 1931 noch einmal mit dem siebenb. Bischof Glondys, der nach einer Zeitungsnachricht zurückgetreten ist. Nachm. hatte ich wider Erwarten Zeit, Frau u. Klaus Morgner zu besuchen. Der letztere stand gerade in den schriftl. Arbeiten zum Abiturium, ist aufgeschossen und -geschwemmt wie ein Bierstudent. Die ganze Atmosphäre ist bedrückend spießig. - Als ich, durch das Dunkel freundlich geleitet, das Künstlerhaus betrat, wurde ich gleich gefragt, ob und wann ich den Vortrag (Lebensalter) wiederholen könnte. Hunderte hätten keine Karte mehr bekommen. Es wurden
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| noch Stühle auf die Bühne geschleppt, und als ich herauskam, fand ich ein dicht gedrängtes Auditorium von wohl 900 Köpfen. Das hob natürlich meine Stimmung. Ich sprach diesmal wieder frei und brachte das zuwege, was bei diesem schönen Thema das größte Kunststück ist, nämlich in 1¼ Stunden fertig zu sein. Großer Applaus. Dann kam mir eine Fülle alter Bekannter, der Minister Hartnacke, der (Russe) Stepun (ich erwähnte seine Heidelberger Erinnerungen, die Famuli oder Hörer von Leipzig, Feurig, Brunst, Kästner, alles ergraute Männer, die Enkelin, von Jungmann Marianne Götze, (auch matronenhaft), der Bruder Zangenberg, der Nervenarzt v. Grosschopf u.s.w. Wir blieben zu 8 in m. Hôtel. Hartnackes, Stepuns, Grosschopf, Klähr v. St. Afra in Meißen u. hatten bis 12 eine lebhafte Unterhaltung. Um ½ 6 stand ich schon wieder auf und ging ohne Frühstück aus dem Hause. Um 7 ging mein Zug, um 10 war ich an dem vom Höllenmaschinenattentat schon ziemlich wiederhergestellten Anhalter Bhf, und um ¾ 11 unerwartet zu Hause. Die Arbeit fürs Kolleg ging gleich weiter. Besuch von Buttmann aus Holland u. Petrau waren die einzigen Unterbrechungen. Gestern vor 8 Tagen
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| hatten wir die Wingeleit besucht u. nach einem Diner im Prälaten einen nicht sinnlosen, hübschen Film: "Die Operette" gesehen.
Günther (vertraulich) hat Aussichten nach Posen und Prag. Krieck soll nach Straßburg gehen. Hellpach schickt mir jetzt manchmal seine Sachen.
Anscheinend hast Du immer noch nicht das Dezemberheft der Erziehung mit m. beiden Beiträgen. Gestern war Herr Klotz in Berlin. Von der "Weltfrömmigkeit", über die ich manchen Brief bekomme, sind schon 2500 Exemplare verkauft.
Wie ist es mit Jena? Es tut mir leid, daß dem verehrten Vorstand der Geburtstag nicht gut bekommen ist. Den Brief v. Mädi schicke ich das nächste Mal mit. Vorläufig brauche ich nicht zu reisen: erst am 3.3. Stettin u. am 16.III. Hamm. Dort habe ich ein Schillerthema, das unnötig viel Mühe macht. Ich kann bei Schiller nicht so glücklich sein wie bei Goethe. Kippenberg will übrigens nun meine sämtlichen Goethereden herausbringen; und zum 75. Jubiläum von Reclam habe ich auch einen alten Knochen zugesagt.
Auf grund Deiner gütigen Bemühungen habe ich dem Namensvetter betont einmalig 20 M geschickt. - Das Telefon ist im Gange. Ich werde <li. Rand> mir - - - die Nummer nachher sagen lassen u. hier noch nachtragen. Susanne geht es besser. Etwas schmerzhaft ist die Steißlinger Höhe noch. Innigst Dein Eduard.
[li. Rand] 762277
[Kopf] Bitte die Rechnung!