Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Februar 1941 (Berlin)


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<ohne Anrede>
22.II.41.
Die vergangene Woche hat wenig Abwechslung gebracht, abgesehen vom Wetter, das die Landschaft schneefrei machte und sie heute wieder dick in nassen Schnee hüllte. Die Arbeit fällt mir ein bißchen schwer; es geht zu lange hintereinander, und mit den Mädchen im Seminar ist nichts anzufangen. Heute sprach ich in der Staatsw. Gesellschaft, wo ein lehrreicher Vortrag über das mißglückte Sterilisationsgesetz gehalten wurde, Herrn v. Strempel, der mit dem Erfolg des nassen Marienbad zufriedener war als ich. Der Schillervortrag für Hamm beschäftigt mich jeden Abend spät. Aber es ist nicht so, als wenn man bei Goethe ist. Man hat es mit keiner gesunden Natur zu tun. Das psychologische Problem ist deshalb vielleicht nur interessanter.
Die "Erziehung" erscheint immer mit großen Verspätungen. Aber das liegt an der Zeit, u. nach Ostern werden wir auch die unvermeidlichen Verkürzungen erleben.
Zigarren kommen zwar jetzt in ganz kleinen Mengen auch von Werner Imhülsen aus Amsterdam. Aber sie sind nur
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| passabel. Deine sind eigentlich die besten für den täglichen Verbrauch, die kleinen u. billigen fast noch mehr als die größeren. Aber nimm, was Du kriegen kannst. "Der Rauchende wird immer dankbar sein." –
Am meisten haben das Herz bewegt die Nachrichten aus Partenkirchen. Von naheliegenden Vermutungen beunruhigt, habe ich bei Anderl angefragt. Er hat mir alles rückhaltlos geschrieben. Kaiserschnitt, verschlimmert durch Angina u. Venenentzündung. Das Kind, ein Mädchen, lebt und ist in guter Pflege bei der Schwester in P., die auch Frau W. gepflegt hat. Die Situation für mich ist nicht leicht. Man kann nach einer Lebensrettung nicht Splitterrichter sein. Ich habe an F. sehr warm, aber an A. ebenso offen geschrieben, daß es doch eben am Herz fehle u. Frau W. 1936 in den letzten Gesprächen eben diese Sorge mit Grund geäußert hat. Es ist, als ob mir die Punkte aller meiner früheren Gemütsbindung zertrümmert werden sollen. Ich habe schon vor 2 Jahren anderwärts Ähnliches erlebt, wovon ich Dir nicht geschrieben habe, aus Diskretion. Ludwig ist auch tragisch dahingegangen. Ist dies die Form, wie man allmählich auf
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| den Abmarsch vorbereitet wird, oder soll man ganz frei werden für das Letzte, was man noch durchzukämpfen hat?
H.s, die den Geburtstag am 16.II. hier vorfeierten, brachten auch nur Sorgenfragen. Der Leutnant Werner hat so etwas wie einen Nervenzusammenbruch gehabt; Sabine eine starke Furunkulose, Marianne soll nach Stettin in neue Berufsverhältnisse, bei denen es ungewiß ist, ob sie fachlich und persönlich durchhalten wird.
S.s Stimmung ist ungleich, wie die meinige auch. Manches könnte da mehr nach dem Stil EnglandAmerika behandelt werden, der ja eindeutig ist.
Marquis Okubo hat mir durch den zuwidderen Menschen den Prachtkatalog der jap. Kunstausstellung schicken lassen. Aber die Ordensangelegenheit ist noch nicht geklärt, was die Japaner mit Mißfallen registrieren. Kotsuka muß tatsächlich in den nächsten Tagen auftauchen.
Über die "Wf." erhalte ich sehr verschiedene, z. T. recht schöne Briefe, z. B. von dem früheren Botschafter in China Trautmann, mit dem ich eigentlich noch
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| garkeine nähere Verbindung hatte. Später sende ich Dir einmal eine Auswahl zur Kenntnisnahme. Vielleicht äußert sich vorher noch das Schwarze Korps oder ein ähnliches Organ.
Anstelle von Flora, die überlastet u. oft krank ist, schreibt jetzt wöchentlich 2 mal für mich Frau Rosen, die Schwiegertochter des früheren deutschen Botschafters Rosen auch in China, mit der wir von Hongkong zusammen heimfuhren. Ihr Mann ist auch in Amerika, weil es nicht die richtige Rosen-Art war. Sie selbst, obwohl nicht ganz jung, ist eine sehr reizvolle Frau.
Diesen Tagesbericht breche ich ab, weil es spät ist u. ich müde bin. Morgen früh folgt noch der eigentliche Geburtstagsbrief.
Dein Eduard.

[] Es ist doch sehr angenehm, daß ich von Orten wie Singapur, Manila etc. jetzt eine eigne Anschauung habe.