Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22./23. März 1941 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 22. März 1941.
Mein innig Geliebtes!
Die Sendung hängt nicht mit der unruhigen Nacht zusammen, sondern - mit dem Bankkrach von 1931. Damals brach die Firma Ruderer und Lang in München zusammen, der ich soeben der Sicherung wegen auf Kerschensteiners Rat 10000 M anvertraut hatte. Im Laufe der Zeit ist aus dem Vermögen noch allerhand herausgewirtschaftet worden. Vor kurzem erhielt ich sogar 1500 M. Dies bedeutete, daß ich aus dem letzten Sachwert der Firma, einen Marmorsteinbruch, nun auch herausgesetzt bin und nur das Papier erhalten habe, dessen Wert im besten Falle politisch ist. Denn kaufen kann man ja nichts dafür. Von diesem bar ins Haus gekommenen Reichtum habe ich Dir einen Teil geschickt. Auf der Sparkasse trägt er noch ein wenig Zinsen. Objektiv ist es sozusagen - nichts.
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Die fünfstündige Unterbrechung der Nacht brachte ganz nahe um uns herum einige schnell gelöschte Brände. Anderwärts ist mehr geschehen. Aber Genaues ist bis heute über den ganzen Berliner Stadtbezirk eben nicht zu erfahren.
Gleich danach fuhr ich nach Hamm mit gutem Glück hinsichtlich des Platzfindens. Der Vortrag gelang weniger, weil er zu schwer war. Ich hatte in der kleinen Stadt kaum hundert - Hörer (eine infame Feder!) Das persönliche Zusammensein war wieder wohltuend und gleichgestimmt. Aber bei meinem gegenwärtigen schwachen Kräftezustand war das Unternehmen doch zu anstrengend im Verhältnis zum Erfolg. Ich bin jetzt so ausgepumpt, daß mir das Kleinste geistig schwerfällt. (alles ein Berg!)
Das Semester ist am Mittwoch 26.III. zu Ende. Es ging kaum noch. Aber mit den Zahlen der Anwesenden darf ich nicht nur zufrieden sein, sondern es war geradezu staunenswert. Vermutlich der
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| Rekord innerhalb der Phil. Fakultät. Aber nun liegen noch 3 große Dissertationen vor, und von Entlastung ist gar nicht die Rede. Am Montag kommen allein 3 auswärtige Besucher, und so geht es weiter.
Wir waren ½ Stunde zu dem üblichen Antrittsempfang bei dem zurückgekehrten Botschafter Oshima und gleich danach bei Dessoirs im kleinen Kreise zum Tee. (Weiß der Teufel, was mit der Feder los ist - hört das nun auch schon auf zu funktionieren?)
Heute zu Mittag und Nachmittag war Kotsuka bei uns, 4 Stunden, und es war, als ob wir mit einem Verwandten zusammen wären: so unmittelbar, offen, belebt und herzlich. Ich habe lange nicht so reizende Stunden verlebt. Im Hintergrunde auch volle Übereinstimmung. Er hatte uns schon vorher allerhand gebracht, darunter auch ein Bild von Katsuko Hisada.
Je weniger ich habe, um so
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| nobler muß ich auftreten. Das gilt wohl auch für den Augenblick. Denn vieles hat wider Erwarten schlecht funktioniert. Alle sind überzeugt, daß im Osten etwas eintritt, so daß Kotsuka nur über Lissabon noch heimkehren könnte. Oder auch auf diesem Wege nicht mehr? Der Botschafter Kurusu konnte noch diesen Weg wählen.
Heute war ich zum Frühstück beim Staatssekretär v. Weizsäcker eingeladen, mußte aber leider wegen K.s Besuch bei uns absagen. Es ist sehr hübsch, daß man dort noch an mich denkt. Aber Ihre Sorgen möchte ich nicht haben.
Ich breche hier ab, eigentlich mit Wut, daß die schon früher gekauften Federn nun auch schon unbrauchbar werden. Ich kann nicht schreiben, wenn ich mit der rohen Materie in ständigem Kampf liege. Jeden Morgen ist schon das Elend mit den Kragen. Meine Nerven sind oft am Reißen.

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23.III.
Für die Zigarren habe ich ja noch gar nicht gedankt. Die Heidelberger sind immer die besten; deshalb freue ich mich auch über die weiter angekündigten. Bitte aber immer aufschreiben!
Heute um 11 liest ein Studienrat die von ihm übersetzten "Perser" im Harnackhause (Goethe-Gesellschaft ist beteiligt.) Wir essen dort etwas und müssen dann nach Tempelhof zu Klaus Wallners Einsegnung. Morgen kommen 3 (!) auswärtige Besuche: Prof. Hönn aus Konstanz (noch unbekannt), Prof. Wenke und der Direktor des Universitätsturninstitus in Marburg. Dienstag Prof. v. Glasenapp aus Königsberg.
Wir haben Aprilwetter, gestern Sturm. Der schöne Frühling, den ich in Hamm vom Fenster sah, hat sich verflüchtigt. Bei sehr rauhem Wetter besuchten wir
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| vergeblich Carl Körner in Westend, der eine Lungenentzündung gehabt hat. Dabei habe ich mir einen richtigen Schnupfen geholt.
Ich würde auch einmal gern wieder aufs Schloß gehen (Frl. Geppert sandte Blatt vom Gingko dort.) Aber wir werden garnicht oder höchstens mal 3 Tage in die Nähe reisen. Susanne sagt mit Recht, daß doch die Bereitschaft zum Löschen jetzt sehr wichtig ist. Henning muß bei Alarm sofort ins Museum.
Ich weiß nicht, ob ich alles berührt habe. Aber ich muß jetzt schließen. Herzliche Wünsche und Grüße von uns beiden.
Innigst
Dein
Eduard

[li. Rand] Nachts habe ich jetzt sehr oft Herzklopfen, aber ohne die Beängstigungen wie früher manchmal.