Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6./7. April 1941 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Dahlem
Fabeckstr. 13>

6.IV.41. 22½
Mein innig Geliebtes!
Wenn ich mit meinem Osterbrief rechtzeitig kommen wollte, habe ich im Hinblick auf die Leistungen der Heidelberger Post den Anschluß wohl schon versäumt. Ich bin am Freitag Mittag nach Leipzig gefahren, war von 3-10 mit Litt zusammen, hatte am Sonnabend von 10 bis nach 3 Arbeitsausschußsitzung der Goethe-Gesellschaft und war um 7 wieder zu Hause. Auf der Hin- und Rückfahrt gelang es mir, einen Sitzlatz zu erobern.
Bei vielem Guten im einzelnen befinde ich mich doch nicht in der Lage, über die Gesamtsituation Günstiges zu berichten. Ich kann es einfach nicht mehr schaffen. Das Trimester ist bei recht starker Besetzung am 26.III. günstig beendet worden. Aber dann kamen sogleich 3 Kriegsurlauberdissertationen und 3 - ostasiatische Entwürfe. Die ersten
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| mußten sofort erledigt werden, samt den mündlichen Prüfungen; jede Arbeit war 170-200 Seiten lang; jede erstaunlich gut und insofern eine Freude. Nun bleiben 3 Wochen sog. Ferien. In diesen paar Tagen soll die Schrift " Berlin als Sitz weltgestaltender Philosophie" aus nichts vollendet und ein Lebensabriß von K. Muthesius geschrieben, zugleich aber Vorlesungen und Seminar für das S.S. vorbereitet werden. Daß das nicht geht, ist apriori klar. Wir würden gerne auch 3-4 Tage fortgehen. Dazu fehlt Zeit, Ort, Unterkunft. Bis vorgestern war es winterlich. In den sog. Ostertagen werden Neffen und Nichten in Fülle auftreten. - ihr gutes Recht. Der Militärbehörde gegenüber soll ich meine Abstammung - nachträglich - durch Urkunden belegen. In einem Falle ist das technisch beinahe aussichtslos. Die Korrespondenz dafür ist unabsehbar. Auch sonst wächst sie mir über den Kopf. Und alles
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| wächst mir nun über den Kopf, der völlig lahm ist von der pausenlosen Überbeanspruchung. Im kleinen der Wahnsinn wie im großen!
Von der Weltfrömmigkeit, die am 15.I. erschienen ist, sind bis heute 10000 Exemplare gedruckt. Es ist gelungen, für weitere 6000 Papier zu bekommen. Ein Wunder! Kippenberg will in diesem Jahr alle meine Goetheaufsätze als Buch herausbringen. Einige sollen auf französisch erscheinen. Auch von der Jps. werden wieder 1000 gedruckt.
Wenke ist endlich etatsmäßiger ao. Professor geworden. Er war neulich hier. Es gab viel zu besprechen. Er ist auch so ein immer gehetzter Mensch. Günther - im Vertrauen! - kommt wohl nach Prag. Alle Außenposten werden besetzt. Was bleibt für das Inland? Man kann nicht die kleinste Kleinigkeit kaufen. Wenn ich nicht noch Wein zu hohen Preisen söffe, bliebe alles Geld, daß nicht auf Steuern draufgeht im Beutel. Das ist auch eine Form von Armut.

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7.IV.41.
Ein rauher Tag. Wir sind mit Frl. stud. Jung, einem verdienten Seminarmitglied, etwas durch den Grunewald gegangen. Aber nichts von Frühlingsstimmung.
Du fragst, ob der Kolonial-Becker mit dem Tokyoter Becker identisch ist. So wenig wie ich mit Sprangers Heilsalbe. Der erste ist Professor an der Lehrerhochschule in Hamburg. Er ist jetzt 1 Woche hier, scheint mir aber keine Gelegenheit zu einer ersten persönlichen Begegnung geben zu wollen.
Wir haben bei schlechtem Wetter den Schillerfilm gesehen; hat mir nicht gefallen. Hingegen hat mir sehr gefallen, was Du am 30.III. über Schiller schreibst. Ich bin auf meinem eignen Wege zu demselben Resultat gekommen, wie Meinecke. Mein Hamm-er Vortrag soll zu einem
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| Akademievortrag erweitert werden. Aber wann? Es laufen zu viele verschiedene Gedankengänge in mir nebeneinander. Kaum hat man die Serben begriffen, muß man sich schon mit den Russen beschäftigen. - - [] Und Petroleum auf der Donau??
Goethe löscht die Tragik wohl aus, insofern er sie fast nie zur vollen Entwicklung kommen läßt. Es ist immer schon das Schlimmste verhütet. Darin sind andre Dichter rücksichtsloser.
Tragisch ist auch das Geschick von Hans Hadlich und Frau. Da wird nun ein Haus und eine Familie aufgebaut - und dann ist alles wieder leer und das Alter einsam. Es müssen sehr große Werte sein, die so etwas innerlich kompensieren. -
Als Löschmittel soll man jetzt vor allem Sand hinstellen. Wir haben auch eine Einstellspritze. Die vorgeschriebene Gasmaske habe ich noch nicht abgeholt, weil ich ziemlich lange einen schweren
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| Schnupfen, eigentlich wohl mehr eine Nasenhöhleneiterung hatte, die mich auch am Besuch der letzten Mittwochsgesellschaft und Fakultätssitzung gehindert hat.
Frl. Geppert hat das Gingoblatt von den vorjährigen genommen. Du kennst sie doch wohl nur flüchtig von Partenkirchen her.
Unter den Besuchern sind noch zu erwähnen Helmuth v. Glasenapp, die Japaner Haga (Schüler v. Bertram) und Sakimura (Nationalökonom). Unsrerseits haben wir Dessoirs besucht, wo es nicht knapp herging. In Graz waren sie jetzt von oben nicht mehr sicher.
Ich würde Dir gerne etwas Ostereiartiges schicken. Aber "es gibt nichts". Gern hätte ich stattdessen wenigstens einen gescheiten Brief gesandt. Aber das kann ich auch nicht mehr. Zu Ostern haben wir nichts vor. Karfreitag kommen die Geschwister Haide u. Diether (zur Luftwaffenprüfung.) Frau Biermann ist verreist. Wir werden wohl Ludwig auf dem Kirchhof besuchen.
Ich schließe mit vielen herzlichen Grüßen und guten Wünschen von uns <re. Rand> beiden. Verlebe Ostern mit so viel innerem Frieden, wie es gehen will.
Innigst Dein Eduard.

[li. Rand] Auch die Uhren rebellieren. Ich hatte meine Taschenuhr 2 Tage beurlaubt. Da ging sie ganz vernünftig. Nun bleibt sie wieder täglich 2 Minuten zurück.