Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. April 1941 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 21.IV.41.
Mein innig Geliebtes!
Zunächst bestätige ich mit herzlichem Dank das unbeschädigte Eintreffen der beiden willkommenen Kistchen. Mit der Rechnung bleibe ich bis zum nächsten Mal in Deiner Schuld. Es ist sehr lieb von Dir, daß Du mich so versorgst. Ohne künstliche Nachhilfe ginge es schlecht. Ich bin heute, nach einer Tour und einem Gewitter, so abgeschlagen, daß ich diese Zeilen beginne, ohne Deine beiden lieben Briefe vor Augen zu haben. Denn der Weg nach unten ist im Augenblick - zu anstrengend.
Ich habe fast ununterbrochen gearbeitet, aber nichts fertig bekommen. Mitten drin mußte ich wieder an 3 ostasiatische Dissertationen herangehen. Das bedeutet ein völliges Umschalten der Gedanken. Daß die Staatsbibliothek jetzt "behindert" ist, hemmt mich
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| natürlich auch.
Beiliegendes, das mit Nachdenken gelesen werden will, ist zwischendurch noch entstanden und von der betr. SS.stelle sehr gelobt worden. Außerdem sind wieder 3000 Exemplare der Jugendpsychologie (62.-64. Tausend) gedruckt worden.
Das letzte évènement erschien mir besonders schwer. Es ist aber nichts Genaues zu erfahren, (abgesehen von der Staatsbibliothek)
Am Dienstag vor [über der Zeile] nach Ostern sollte ein Tagesausflug stattfinden. Das Wetter war herrlich, ausnahmsweise, obwohl noch nicht sehr warm. Wir gingen von Birkenwerder nach Summt (1½ St.) Dort bekam Susanne plötzlich Schwellung und Schmerzen am rechten Bein, und was schlimm war, einen momentanen Schwächeanfall. Wir mußten das Ziel Schönwalde u. s. Pfarrer aufgeben.
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| Der einzige in Sumt vorhandene Omnibus brachte uns nach Zühlsdorf [über der Zeile] (!), wo wir im windigen Wald 3 Stunden auf den Zug nach Berlin (über Basdorf, Schildow, Lübars u.s.w.) warten mußten. Das war der freie Ostertag.
Der Neffe Dieter aus Gumbinnen ist hier, um seine Eignungsprüfung als Fliegeroffizier abzulegen. Er wohnt im Augenblick bei uns, nachdem die Sache (m. E. negativ) erledigt ist. Gestern ging ich mit ihm von Grünau über die Müggelberge nach Rahnsdorf. Auch dieses Unternehmen mußte vorzeitig abgebrochen werden, weil nirgendwo etwas zu essen zu haben war. (Dies war der 3. Tagesausflug.) Ichx) [re. Rand] x) zu zweien! will nun aber trotz aller Bedenken von Freitag früh bis Montag Abend nach Freienwalde, Pension Luisenhof, gehen. Eigentlich sollte ich schon am 30.IV. mit den Vorlesungen beginnen. Aber vor dem 3.V. tue ich es nicht. Es folgen dann 3 Arbeits
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|monate, im Mai gleich mit dem fälligen Akademievortrag, der mich dann in den 7. der nebeneinanderlaufenden Gedankengänge hineinnötigt.
Am vorigen Mittwoch habe ich im Kreise von ca 35 Pfarrern über "religiöse Hemmungen und rel. Keimpunkte in der Bewußtseinsverfassung des modernen Menschen" mit anschließender lehrreicher Diskussion gesprochen. So etwas ist aber auch immer eine Exklave im Verhältnis zur Hauptarbeit. Heute besuchte ich den Pfarrer Link, der der größte aller Schwarzseher ist.
Frau Kerschensteiner hat mir aus der Pension Witting geschrieben; auch Felizitas selbst mit weiteren Einzelheiten.
Ich suche mal wieder (für das Militär) meine und Susannes Ahnen zusammen, eine lästige u. mühsame Arbeit, die im Falle meiner Großmutter väterlicherseits vielleicht nicht einmal zum Ziele führen wird.
Jetzt kommt ein belgischer Besuch.
[li. Rand] Parallele zum Vorstand: der 87jährigen Frau Prof. Felix Schmidt-Köhne mußte ich Verse ins Stammbuch schreiben. Als ich es zurückbrachte, wieder graziöse Unterhaltung bis auf Einen großen Differenzpunkt.
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Fortsetzung.
Hier ist von Blühen noch nicht die Rede; am schlimmsten ist aber die andauernde Dunkelheit, der Mangel an Sonne.
Mit dem Ferngespräch müßte man sich zu einem bestimmten Zeitpunkt verabreden. Du mußt doch auf die Herstellung der Verbindung u. U. lange warten, und wir könnten ganz ausnahmsweise einmal abends nicht zu Hause sein. Sonst waren wir manchmal um diese Zeit auf der Reichenau zusammen. Es wäre dies Jahr dort wohl auch noch weit zurück.
Die Boveri rühmte Louvaris, der sie persönlich kannte, sehr. Eine von den gescheiten Journalistinnen wie die Lili Abegg. - Von Deinen Fragen ist noch zu beantworten: der Neffe Werner ist noch im Lazarett; das Ganze sieht
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| nach vererbter Psychose aus, leider.
Nach 3 Monaten habe ich die Genehmigung zum Tragen des Ordens mit Allerhöchster Unterschrift erhalten. Wenn es nur nicht so geht wie mit dem griechischen, der jetzt weniger geeignet. M. hat seine Hauptgeschäfte in Moskau gemacht.
Ich bin heute so extrem müde und dusselig, daß ich Dir meine schriftliche Gesellschaft nicht länger zumuten kann. Ich möchte nur noch hoffend sagen, daß sich auch bei Hanna Virchow die gute Natur bewähren möge.
Viel innige Grüße und alles Gute! Auch per procuram S.
Dein
Eduard.