Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Mai 1941 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Dahlem
Fabeckstr. 13>

17.V.41.
Mein innig Geliebtes!
Mit großer Teilnahme höre ich von der Erkrankung von Adele Henning. Auch ich muß die Aussichten ernst beurteilen. Man sah ja schon - seit dem Besuch in Baden-Baden - die Anzeichen schnelleren Verfalls. In diesem Alter kommen wohl noch Genesungen vor; aber was dann bleibt, pflegt allzu kümmerlich zu sein. Ich fühle Dir natürlich nach, daß der drohende Verlust an Deiner vertrauten Welt viel ändern wird. Wir müssen uns aber stark machen. Denn wenn man in die späteren Jahre kommt, so geht eigentlich das Raten nur noch darum: wer geht voran? Und da man selbst irgendwann schon einmal abgeschlossen hat, ist es, als wäre das alles ganz in der Ordnung. Ich muß da immer an die Stammtische der Alten denken, die im stillen treu, im Äußeren ganz gelassen sind, wenn dieser oder jener nicht mehr kommt.
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Daß ich seit dem 21.IV. keinen Brief mehr geschrieben habe, war mir garnicht zum Bewußtsein gekommen. Du entnimmst daraus, daß ich ganz furchtbar zu tun hatte. In der Woche nach Freienwalde, wo wir übrigens noch die besten Tage dieser schrecklichen Kälte- und Dunkelheitsperiode gehabt haben, begann das Semester. Eine neue Vorlesung oder Übung anzukurbeln, macht immer noch Mühe, zumal wenn es im letzten Moment geschehen muß. Ich hatte also 3 Gegenstände nebeneinander zu behandeln und außerdem noch den Schillervortrag für die Akademie zu fördern. Das war nicht leicht. Nun ist alles im Gange: Grundzüge der geisteswiss. Psychologie mit ca 120, Deutsche Staatsphilosophie von Kant bis Hegel mit ca 170, Seminar über Kulturphilosophie (gut einsetzend) mit 33. Natürlich sehr viel Damen, Ausländer aus der Ukraine, Bulgarien, Rumänien, aber immer auch noch junge Deutsche. Die erstgenannte Vorlesung nach einem neuen Stil wird ganz besonders viel Mühe machen.
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Zwischendurch mußte ich nun alle meine Schillerstellen im Kopf behalten, weil die Sache noch nicht aufs Reine gebracht war. Außerdem aber mußte sie auf 35 Seiten für den mündlichen Vortrag reduziert werden. Das ist endlich heute Vormittag einigermaßen gelungen. Zur Belohnung für den Fleiß fuhren wir in schrecklichem Gedränge nach Potsdam (Meierei, Pfingstberg). Denn heute eigentlich haben wir den ersten Blütentag. Aber nur den ersten Anfang. Als wir nach Freienwalde fuhren, fürchtete Susanne, die Blüte ihrer Magnolie zu versäumen. Heute ist sie aufgebrochen - 3 Wochen später.
In diese Zeit fiel eine Mittwochsgesellschaft, die ja in dieser Zeit des "Sichwunderns" willkommen ist, und gestern waren wir zum 1. Mal in der sog. Dahlemer Gesellschaft, bei Heuß-ens, wo sie, bekannt als Frau Heuß-Knapp, über einen neuerlichen Besuch in Straßburg interessant plauderte. Das Durchschnittsalter in dieser Gesellschaft scheint 72.
Die Nächte waren nicht immer ungestört,
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| aber Dahlem lag außer der Schußlinie. Kiel! Bremen! Vielleicht auch Mannheim - ganz anders. Rußland scheint vertagt, weil wir noch Irak durchfliegen. Aber alle sagen, wer da essen will, darf nicht blöde sein. Daß Louvaris wieder Unterrichtsminister ist, hast Du wohl gelesen. Ich hätte ihm das nicht gewünscht. Mein chinesischer Schüler Dr. Ma, der dort sofort Dozent geworden ist, schreibt mir, daß meine "Lebensformen" (aus dem Englischen übersetzt) dort eine politische Rolle spielen. Seltsames Asien!
Was nun Sichwundern betrifft, so meine ich nicht nur den akutesten Fall, sondern auch Eindrücke von vielen Einzelgesprächen, gerade mit jungen Leuten. Wir stehen offenbar ganz wo anders, als wo wir sind. Und das Frühlingslied summt mir durch den Kopf: "Man weiß nicht, was noch werden mag."
Du hättest doch wohl die 10 M für Deine Gesundheit aufbringen sollen. Meine Sendung schließt zunächst auch die Zigarren (gute Heizung für mich) ein. Du kannst jederzeit so viel haben, wie Du willst. Für die neue
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| Sendung herzlichen Dank! Davon kann man nicht so viel haben, wie man will.
Am Dienstag habe ich für den Wohltätigkeitskreis der Frau v. Bülow (Witwe von Hans v. Bülow) über die menschlichen Lebensalter gesprochen, in der Villa de Gruyter in Lichterfelde, vor etwa 120 Leuten. Sehr wirkungsvoll. Du weißt wohl, daß ich Frau v. B. seit 37 Jahren (immer als Witwe) kenne. Sie nähert sich wohl den 90, war kürzlich auch so krank wie Adele. Aber sie sprach frei zur Gefolgschaft und ist immer noch ein Feuergeist.
Schinzingers Nishidaübersetzung ist fertig und soll mit Hilfe des A.A., wo ich gestern war und Kolb traf, gedruckt werden.x) [re. Rand] Susanne hatte neulich bei der Jap. Botschafterin eine angenehme Begegnung mit Frau v. Weizsäcker, die auch schon einen Sohn im Kr. verloren hat. - Leider. Schleiermachers Dialektik habe ich für die Akademie bei Klotz untergebracht.
Die Wf. bringt immer noch interessante Antworten. Wenn Du einmal so frei bist, daß Du in 8 Tagen durchkommen kannst, muß ich Dir den ganzen Korb schicken. Es lohnt.
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Daß wir keinen Himmelfahrtstag, aber einen 1. Mai haben, leuchtet nicht allen ein.
Günther ist in Prag ganz zufrieden. Ich habe heut mit ihm telephoniert. Daß man sich wundert, sei aber auch in Prag zu spüren.
Hörst Du etwas von Heinz? Ist er in Griechenland? Das muß ja eine ganz leichte Sache gewesen sein. Nicht so in Afrika, von wo Onckens Sohn jetzt auf Urlaub ist. Wird Otto Kohler bleiben können? Es ist ja schrecklicher Lehrermangel. Überhaupt dies Kapitel!!
Ich bin nicht ganz so kräftig, wie ich es bis Ende Juli noch sein muß. Für diesen Zeitpunkt schwebt ein Vortrag in Schweden. Dann müssen wir sehen, daß wir uns treffen können. Zunächst ist am 29.V. der Akademievortrag. Gleich danach muß ich eine Lebensskizze von Muthesius schreiben. Nun hast Du das Wichtigste gehört. Sei vorsichtig mit Deinen Kräften, auch jetzt am Krankenbett. Grüße von mir mit warmen Wünschen. Wir grüßen Dich herzlichst. Ich bin immer, auch schweigend, <re. Rand> (so bis zum 29.V) Dein getreuester Eduard.
[] Heinrich Scholz, sehr krank gewesen, ist zur Erholung in Wiesbaden.