Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. Mai 1941 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 30. Mai 1941.
Mein innig Geliebtes!
Das Hinscheiden der Freundin Adele ist mir, besonders auch für Dich, sehr an die Seele gegangen. Manchmal, vor dem Einschlafen, ist mir so, als wären auch wir Lebenden schon Vergangenheit. Von der Welt, mit der wir lebten, steht nur noch wenig. Jeder aus der alten Zeit, der dahingeht, läßt uns dies noch deutlicher fühlen. Auch Du wirst die Lücke schwer empfinden. Denn neue Freunde „wachsen nicht nach“. Ich gedenke still der Entschlafenen. - Was hörst Du über Hanna Virchow?
Wir sind hier wieder sehr in Sorge um Meinecke. Und eigentlich auch um sie, die tapfere Frau; sie hat kein Mädchen.
Rösel Hecht kommt in Deinen Briefen garnicht mehr vor - seit dem Gebiß. Das ist doch nur ein Zufall.
Günther kannst Du öffentlich gratulieren. Er ist zu Pfingsten hier, also Zehlendorf, am Schweizerhof 7.
Ich war auch zu einer Trauerfeier, für Sombart . Der alte Geheimrat Schuster ist bestattet worden, als wir in Fr. waren.
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Die Nachricht über R. scheint zu stimmen. Wir möchten ein bißchen Getreide anbauen. Gleichzeitig bewegt sich auch was über den Kaukasus. Vorläufig also noch - bestes Einvernehmen. Übrigens erhielten wir anonym aus Persien 4 Stück Seife. Das ist doch über denselben Weg gekommen. Eine Sorge ist, daß ein Sohn von Schmidt-Ott möglicherweise auf dem "B." war. - Louvaris ist nicht mehr Minister. Da wir das Land Italien überlassen haben, ist das Kabinett zurückgetreten.
Die Mittwochsgesellschaft vorgestern bei Sauerbruch war unergiebig (medizinisch nicht.) Man soll nicht glauben, daß Rumänien uns liebt.
Gestern habe ich nun den Schillervortrag in der Akademie gehalten, ¼ weggestrichen und den Rest im Schnellzugtempo gelesen. Für den Druck muß alles ganz anders gemacht werden.
Kotsuka ist wieder da nach einer Reise durch ½ Europa. Er hat uns bisher nur kurz besucht. Heute um 12 fahren wir mit ihm, Senzoku und Suga nach Potsdam. Endlich steht alles in Blüte, und nach dem schlechten Tag gestern scheint sich die Sonne zu halten.
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Von gestern bis Freitag nach Pfingsten mache ich auf eigne Initiative Ferien. Ich habe mir mit der psychologischen Vorlesung eine allzu schwere Sache aufgebürdet. Aber bis jetzt funktioniert es. Morgen kommt Bernhard Schwarz. Für Pfingsten selbst haben wir nichts vor. Die Verkehrsmittel sind zu sehr überbeansprucht. - Aber am Mittwoch möchte ich doch einmal für den ganzen Tag hinaus.
Thürling ist nach Posen versetzt. Hoffentlich gelingt es, ihn zurückzuholen.
Schinzinger hat das Nishidamanuscript gesandt, das ich nun mit Hilfe des A.A. drucken lassen werde.x) [re. Rand] Ich hatte auch einen Brief aus dem besetzten China von m. Schüler Dr. Ma, der gleich an der Sun-Yat-sen-Universität Dozent geworden ist. M. Lebensformen sollen im Kampf gegen die Kommunisten eine Rolle spielen (!?) Kolb traf ich neulich auch in der Ungarischen Gesellschaft, wo es recht nahrhaft war (Adlon.) Sonst ist es hier recht klapprig, und wenn wir nicht ......
Pinder war am Bodensee und in Hinterzarten gewesen. Dort soll es besser sein. Aber da anscheinend kein Privatboot fahren darf, fiele für die warme Zeit ein Hauptreiz fort. Auf m. Glückwunsch für Vater Welte habe ich nichts gehört.
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Es ist ganz hübsch für die helle und warme Zeit, daß Du etwas zu zeichnen hast. Kann man denn in der heutigen Psychiatrie auch mikroskopieren?
Unser Garten ist sehr schön. Aber der Putz fällt an einigen Stellen ab; anderwärts müßte man streichen lassen. Alles unmöglich. Ich bin über meine liegen gebliebenen Mss. nicht so traurig. Denn Papier und anderes fehlt doch. Von der Wf. konnten statt 16000 (im ganzen) doch nur 14000 gedruckt werden.
Susanne schwelgt in Sommerplänen. Ich mache vorläufig keine. Aber alles Frauenvolk reist munter in der Welt umher.
Hoffentlich erhältst Du diesen Gruß rechtzeitig zu Pfingsten. Die "vertraute Korrespondenz" muß eingeschrieben aufgegeben werden und folgt daher erst nach dem Fest. Was wirst Du unternehmen? Viel gute Wünsche und innige Grüße, auch von S.
Stets Dein
Eduard.