Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14./16. Juni 1941 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 14. Juni 1941.
Mein innig Geliebtes!
Die angekündigte Sendung ist immer noch nicht erfolgt. Denn ein an sich leichtes Mißbefinden hat mir doch allerhand Steine in den Weg gerollt. Wir haben mit Bernhard Schwarz am Pfingstsonnabend und mit Kotsuka, der am 2. Feiertag sehr gemütlich 6 Stunden bei uns war, lange im Garten gesessen. Als wir dann am Mittwoch den Ferientag in Strausberg machten, hatte ich Schmerzen im linken Ohr. Das zog sich dann Gottlob in den Hals zurück. Der Marsch von insgesamt 5 Stunden war aber auch zu viel. Ich war am nächsten Tage ganz kaputt. Sonntag stellte sich auch der nervöse Darmzustand ein, unter den ich viele Jahre so gelitten habe, und er ist bis heute nicht überwunden. Unter diesen Umständen ging die Arbeit recht schwer vonstatten. Ich darf aber keinen
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| Tag pausieren, wenn ich einigermaßen durchkommen will. Morgen muß ich den Aufsatz über Muthesius unter Dach bringen, für den wohl 20 Sonderschriften zu lesen waren. Die Söhne lassen mich mit dem erforderlichen Material recht im Stich.
Sonntag waren wir mit Tigges bei der Oberin Kundt (Marienbad). Seitdem ist es wieder kalt, daß man heizen möchte. Am Mittwoch war die MG. bei Beck. Heute die Dahlemer Greisengesellschaft bei Frau v. Tirpitz, (der Mann abwesend). Klingler spielte mit seinem Quartett Mozart und Beethoven - wunderbar. Ich saß neben Frau Meinecke, die ihn doch wieder so weit durchgepflegt hat, daß er ein wenig aufstehen kann. Vorgestern besuchte uns auf kurze Zeit unangemeldet die arme Tante Wally, die einzige, die von ihrer Familie noch hier ist.
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Man findet ja nur sehr schwer Worte für das, was einen bewegt. Aber es ist doch so, daß die innere, besonders seelische Situation mehr und mehr unerträglich wird. Man kann sich garnicht vorstellen, wo das hinsteuert. Gegenwärtig schwirren hier die seltsamsten Gerüchte über einen Besuch von Osten, die wohl künstlich gemacht sind. Das Entgegengesetzte ist ebenso wahrscheinlich. Sehr Konkretes, das man darüber hört, kann aber ebenso nur Ablenkungsmanöver sein. Einzige Tatsache ist, daß wir nichts wissen und nichts so hören, wie es ist. Ebenso ist es Tatsache, daß man sich in diesem Zustande allmählich verbraucht. Ich frage mich oft, was man aus seinem Leben noch machen soll. Die Altersgenossen sterben hinweg oder werden einem ungenießbar. Hätte ich nicht doch das Gefühl, daß zu den jungen Leuten noch ein Kontakt besteht, so wäre es ganz trostlos. Aber dieser ist doch anders als 1914/8. Sie halten sich zurück, teils aus Vorsicht, teils wohl, weil man nun doch eine
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| halb mythische Standesperson ist, an die sich niemand ganz unbefangen heranwagt. Das alles wird unter Umständen auch noch abgesägt.
Mir kann natürlich nicht daran liegen, die 3-4 Schriften und Schriftchen, die ich unter den Händen habe, in einer Zeit zu vollenden, wo Größeres fertig werden müßte. Ob die Kraft schon endgiltig fort ist oder nur gehemmt ist, kann ich nicht sagen. Aber man möchte doch aus seinem Leben das Fruchtbarste machen, und das ist seit dem bekannten Zeitpunkt - also eine lange Reihe von Jahren, unmöglich. Beinahe jeder, den man spricht, denkt in der gleichen Richtung. Es folgt aber nichts daraus, und so befindet sich "alles" trotz äußerer Ereignisse an einem toten Punkt. Dies meinte ich mit den Anfangsworten dieses Blattes.
Umso lebhafter ist der Wunsch nach einer Aussprache. Das liegt aber auch im Dunkeln. Denn schon jetzt ist das Eisenbahnfahren nach allen Berichten eine Leibestortur,
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| die man in unsren Jahren nicht mehr aushält. Susanne drängt immer wieder nach einem Entschluß für die Zeit ab 10. August. Aber Du kennst meine Abneigung gegen Bindungen für eine Zeit, deren Verhältnisse man noch garnicht absehen kann. Manchmal rät Susanne zu einem 2. Versuch in Marienbad. Aber wärmer als voriges Jahr scheint es auch diesmal nicht zu werden. Ob Du etwas über Hotelverhältnisse in Freudenstadt in Erfahrung bringen könntest (nur ein Hôtel käme jetzt in Betracht)? Natürlich müßten sich dazu die Eisenbahnverhältnisse bessern - und wie sollen sie das? Meinerseits habe ich auch an die Gegend von Kassel gedacht, die wenigstens in der Mitte läge. Brilon vorm Walde - wäre das etwas??
Wir müssen das wohl alles noch im Schoße der Götter ruhen lassen. Denn irgendetwas passiert bis dahin bestimmt noch. Und mir scheint nicht, daß es für unsre Zwecke erleichternd ausfallen kann. Dies, auch in größeren als im Sinn von Reiseplänen genommen,
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| ist das eigentlich Niederdrückende.
Als wir uns 1926 im Herbst in Hinterzarten trafen, kam ich aus Holland. Die Verbindung nach dort hat nun auch ein schweigsames Ende gefunden. Kannst Du Dir aber vorstellen, daß noch jemals so unbeschwerte Sonnentage kämen, wie wir sie damals in Hinterzarten erlebt haben? Da ist doch ein Tor noch schwerer zugefallen als 1919. Und dabei bleibt es, selbst wenn wir jünger wären, als wir sind. Die Menschen sind fort, die unsres Schlages waren, und wir werden bei aller Tapferkeit immer nur noch auf Gedenksteinen wandeln können.
Am 22.VI. spreche ich über Schiller im Pestalozzi-Fröbelhause, das ich vor 30 Jahren zuerst betrat. Am 7.VII. ist die Hauptversammlung der Goethe-Gesellschaft Berlin, im Harnackhause. Vortragender: Petersen, Schiller und der Krieg. Ich habe das Glück gehabt, in Riebensahm einen hervorragenden Musiker für die Umrahmung zu gewinnen. Was aber wird sonst am 7.7. spielen?
Schluß für heute!
Gute Nacht!

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16.6.41.
Heute früh kam Deine eingeschriebene Sendung. Ich bin sehr glücklich darüber. Denn z. Z. "kommt" nur noch von Dir etwas "herein". Herzlichen Dank, auch für die liebe Nachricht. Ich freue mich, daß die Zeichnungen fertig geworden sind. Was hat der Professor dazu gesagt?
Den angefangenen Brief will ich ohne die Wf.-Akten abschicken, damit Du nicht ohne alle Lebenszeichen von mir bleibst. Es ist wirklich jetzt ein schwieriges Jonglieren mit der Zeit, wenn alles Nötige hineingehen soll. Den Muthesius-Artikel habe ich zu 2/3 am gestrigen Sonntag - zusammengesetzt. Es war wieder ein Regensonntag. Die Temperatur ist morgens selten über 8° R. Aber wenn es schon in Heidelberg so ist, - was dürfen wir erwarten. Ich sitze neben einer lauwarmen Sonne, nämlich einer elektrischen.
Wir waren trotz des Regens gestern mit der Nichte Heide in Schild
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|horn
. Heute Nachm. erwarten wir Frankes. Mittwoch kommt Wenke, und ich werde mit einen bedeutenden Mediziner (Munk, Direktor des Martin-Luther-Krankenhauses) ein Gespräch über - Schiller haben.
Ich muß schleunigst zum Anprobieren meines neuen Anzugs. Wenn ich nicht immer einen aufgetriebenen Leib hätte, könnte ich wohl schon Stoff sparen.
Viele gute Wünsche von uns beiden. Ich bin mit innigen Grüßen
Dein
Eduard.