Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Juli 1941 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
Dahlem, den 2. Juli 1941.
Mein innig Geliebtes!
Den ziemlich bewegten Tag beschließe ich mit wenigen Zeilen, in denen ich Dir vor allem Dank sagen möchte. Er gilt Deinen beiden lieben Grüßen, die den Schätzen beigelegt waren. Das Buch ist ein wahrer Schatz. Es ist die Originalausgabe, die ich sehr gern mein eigen nenne, obwohl die Sammlung nicht mehr vollständig ist. Aber die herrliche Einleitung hast Du hoffentlich - nein, Du wirst natürlich nicht mehr Zeit gehabt haben, sie zu lesen. Beschämt nenne ich daneben die Zigarren. Aber sie sind auch wichtig. Denn leider deuten alle Zeichen darauf, daß "das ganze Ding uffhoert." (NB: der Zeininger von der Reichenau, der mit s. jungen Frau nach Bodman, statt Wallhausen gehen wollte, ist leider gestorben.) Der Spargel hat sehr
[2]
| gut geschmeckt. Susanne verzeichnet noch auf der Geschenkliste "Kohl". Das ist wohl ein Irrtum: Wie solltest Du zu Kohl kommen?
Der Geburtstag, nicht sehr wichtig genommen, verlief anders als erwartet. Im vorigen Jahr kam nur ein Besucher. Diesmal schon vormittags Frl. Rauhut, Frau Gomies, der alte Reimesch (79), sehr munter, und zu Mittag Frl. Wingeleit. Nachm. hatte ich Seminar, sah also nicht Frankes und Klaus Wallner jr., den talentvollen jungen Maler. Der Tisch war wieder mit Rosen überfüllt, auch ein Rosenstock vom P. Fr.-Hause dabei. Die Briefe kamen in gewohnter Fülle, mit sehr warmen Tönen, und besonders hat mich unter den Feldpostbriefen der von Heinz erfreut, den ich Dir beilege. Mitten im Kriege empfing ich das Gefühl einer seelischen Kontinuität, die seit langem nicht so stark zu spüren war.
[3]
|
Seit dem letzten Brief an Dich hat die Weltgeschichte wieder Riesenfortschritte gemacht. Wohin aber? Japan und Dtschld sind von einander abgeschnitten. Donat u. die Gegener hier können nicht zurück. Hoffentlich ist der Dr. Becker [über der Zeile] (Tokyo) auf einer geplanten Heimreise in Sibirien nicht stecken geblieben. (!) Der hiesige Chinesische Botschafter reist ab. Die chinesischen Studenten bleiben in prekärer Lage zurück. Der Block Rußland-China ist also gegen uns. Meine Befürchtung ist, daß wir Rußland zum Nationalbewußtsein aufpeitschen, wie es Japan mit China getan hat.
Eine besondere Geburtstagsfreude war die teleph. Nachrichtx) [Fuß] x) Das Telephon rasselt wie erwartet den ganzen Tag. aus Potsdam, daß die tapfere Jenny die Schwester Annemarie wohlbehalten dorthin geholt hat. Diese ist noch sehr angegriffen. Aber die Gefahr für Gumbinnen ist wohl schon vorüber. Am Sonntag Nachm. kamen Hans und Jenny Honig, und es wahr harmonig wie selten. Althof ist auch unversehrt.
[4]
| Es hätte ja auch anders gehen können. Aber die anderen Armeen sind wohl nur Spielzeuge.
Montag wollten wir einen freien Tag machen. Zunächst goß es; um 10 aber wagten wir uns doch hinaus und machten einen Weg von 3 x 1¼ Stunde, unter dem Du Dir vielleicht etwas vorstellen kannst: Frohnau, Bergfelde, Sumt, Dammsmühle, Schönwalde. Das Unternehmen ist mir diesmal gut bekommen.
Susanne hat nun die Initiative ergriffen und nach Marienbad an "Haus Frankfurt" geschrieben, ob wir Zimmer mit Frühstück bekommen könnten, aber ohne Pension bei Habermann. Das ist ja noch sehr in der Schwebe. Aber stelle doch schon immer fest, ob Du eine erträgliche Verbindung etwa via Würzburg, Bayreuth, Eger oder so haben könntest. Denn diesmal empfiehlt sich der mühsame und teure Weg über Berlin nicht.
[5]
|
Heute Nachm. waren wir beim geistesverwandten Pfarrer Link zur Luthergesellschaft mit Diskussion, wo ich auch die feine Frau v. Weizsäcker wiedersah. Lilje ("Junge Kirche") hielt das Referat. Frau Link reist übermorgen nach Heidelberg-Neuenheim, wo ihre Mutter lebt.
Die Sache in Schweden scheint zustande zu kommen. Vorher ist noch das recht anstrengende Semester zu Ende zu führen. Der letzte Ukrainer hat sich heute verabschiedet. Am 7.7. redet Petersen in der von mir geleiteten Berliner Goethe-Gesellschaft über " Schiller und der Krieg". Ich habe wieder viele "Spitzen" eingeladen. So etwas zu organisieren ist heutzutage keine Kleinigkeit. Morgen bei der Leibnizfeier der Akademie werde ich zum 1. Mal den Japanischen Stern anlegen. Es wäre mir lieber, wenn stattdessen die Akademie nicht fortdauernd herunterkäme.
[6]
|
Es waren auch Nachrichten aus und über Partenkirchen (von Frl. Geppert) da. Anderls Ehe ist repariert, hingegen lassen sich Wolfgang und Flora Imhülsen scheiden. Dem guten Vater Imhülsen, der in Hofgastein ist, wird dies begreiflicherweise schwer.
Meinecke hat sich wieder etwas herausgemacht. Ich hoffe, ihn morgen besuchen zu können. Frau Marie v. Bunsen ist gestorben. Freitag müssen wir zur Trauerfeier (Ehrenmitglied unserer Goethegesellschaft.)
Damit hätte ich wohl das Wichtigste berührt, und wenn es morgen nichts Neues gibt, werde ich den Brief absenden, - mit all dem Unausgesprochenem, das er enthält.
Noch einmal innigsten Dank und warme Grüße. Auch von Susanne.
Dein
Eduard.