Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. September 1941 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 1. September 1941.
Mein innig Geliebtes!
Gestern, am 31.8., habe ich Deiner besonders lebhaft gedacht. Aber ich konnte noch nicht schreiben. x) [li. Rand] x) Wenn ich ausarbeite, kann mich eine Postkarte, die ich schreiben muß, zerstreuen. Heute kam Dein lieber Brief. Wir wußten schon aus der Zeitung, daß Dich Alarm empfangen hat, und bedauerten, daß Du nicht ungestört ausschlafen konntest.
Wir sind normal gereist und seitdem schon wieder stark in den "Zusammenhang" gekommen, der überwiegend düster ist. Am Donnerstag sprach ich Frau Meinecke (er war unterwegs.), am Freitag besuchte uns Frau Bertholet (Schweizerin von Geburt), am Sonnabend sehr ergiebig Litts, am Sonntag waren wir in Potsdam bei Honigs, heute kam Frl. v. Kuhlwein (vollgestopft) und der U.O. Dr. Buttmann aus Holland. Gesamtresultat "unterkütig." Gestern schon um 10 war
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| der erste Alarm. Wir waren aber wohl nicht gemeint, denn um 11¼ war es schon zu Ende. Nun kommen klare Mondnächte.
Ich habe die Arbeit sogleich systematisch aufgenommen, nachdem ich die relativ kleine Post in der Hauptsache erledigt hatte. Seit Freitag schreibe ich jeden Tag 12-15 Seiten am Schiller. Es geht mir sehr schwer von der Hand, mühsamer als je, obwohl ich doch selbst eher Schillerisch konstruiert bin als Goethisch. Mindestens 10 Tage werde ich dafür brauchen, d. h. für den Rohbau. Ein Genuß ist es nicht. Der Kopf ist erholt genug. Da liegt also nicht das Hindernis.
Wenn man aus Marienbad kommt, ist es ein sympathisches Gerücht, daß Diarroeh in Argentinien sein soll. Ich hoffe, daß die unerhörten Zwischenbemerkungen,
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| die unsren Rundfunk gestört haben sollen, bloße Erfindung sind oder doch abgestellt werden konnten. Gegen Kurzwellengeheimsender, wie sie seit Wochen angeblich aktiv sind, kann man sich anscheinend nicht sofort schützen. Aber das berührt ja die herrlichen Erfolge im Großen so wenig, wie das Bellen eines Pudels den Mond.
Ich will weiter diätgemäß leben und schränke den Verbrauch von Wein und Zigarren ein. Aber es zeigt sich, daß ich dann auch die Arbeit einschränken muß. Der Ernährungszustand ist ja sehr gut. Aber das frühere Plus macht sich doch als minus bemerkbar, und ich bin nicht sicher, ob das nur auf Alter und Sorgen zurückzuführen ist.
Am 28.9. werde ich wohl in Bremen sprechen. Wir möchten aber doch noch ein paar Tagestouren einfügen, solange es hell ist. Nach m. Maximumthermometer sind hier im ganzen August auf der Schattenseite nie
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| mehr als 13°R. gewesen.
Die Behandlung von Schillers Tell in der Schule ist verboten worden. Es ist auch sehr gut, daß man in Westfalen alle Klöster aufgehoben und die Insassen vertrieben hat. Was der Bischof dagegen sagt, ist lächerlich, und man glaubt es kaum, was solche Leute noch für Vorstellungen haben.
Gott sei Dank: Die Uboote wie die Flugzeuge haben England unbedingt in der Zange. Ich zweifle nicht, daß nun im September die Insel auch erledigt wird und daß der Krieg ein Ende nimmt. Wenn Mussolini von einer Fortführung spricht, so ist das wohl nur eine unglückliche Ausdrucksweise für die Fortdauer im September.
Alle guten Wünsche, Grüße auch für den Vorstand, und Verharren im Zeitlich-Zeitlosen des Weißen Steines.
Dein Eduard.