Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. September 1941 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
Dahlem, den 18. September 41.
Mein innig Geliebtes!
Als wir den letzten Tag in Marienbad verlebten - nachmittags mit dem Blick vom Panorama in die regnerische Ferne, - erlebte unser Heinz den letzten Tag in dieser Welt. Von Ahnungen halte ich nichts. Aber die letzte Begegnung mit Ihm war mir sonderbar: Er blieb so warm in meiner Nähe, als ob Er fühlte: es ist das letzte Sehen. Wenn Menschen darüber urteilen dürfen, so schien Er mir zu denen zu gehören, die jung sterben sollen. Seine Jugend war schön. Es war in Ihm eine Zartheit, von der Er in der kommenden Welt keinen Gebrauch hätte machen können. Diese Linien liefen nach meinem Gefühl nicht weiter - aber sie liefen in die Höhe. Ich nehme an, daß Heinz
[2]
| in dem Sinne gläubig gewesen ist, um ohne innere Konflikte das Opfer zu bringen, das ehrenvoll und schön und gewiß vor Gott so edel ist, wie wir Menschen es uns vorstellen, oder es gibt überhaupt nichts Menschliches, das in dieses Licht gestellt werden darf. Du, und Hermann, und ich, wir fühlen uns ärmer. Auch dies ist natürlich, und niemand wird unsren Tränen wehren. Mir war immer, als ob in Heinz ein starkes Stück von Kurts heiterem, aber nicht unbeschwertem Wesen wieder auf die Welt gekommen sei. Er ist nun denselben Weg gegangen. Wir schütteln den Kopf wie der Ahnherr in Iphigeniens Lied. Wir werden es nicht ergründen. Wir müssen ihm standhalten; es - fängt ja erst an.
Von den kleinen Vergnügen des Tages schreibe ich Dir heute nicht. Ich erwähne nur, daß ich seit 21 Tagen rastlos am Schiller arbeite. Da geht es auch, was ich fast über den kleinen
[3]
| Fragen vergessen könnte, eigentlich um die - andere Welt. Er hat sich fast vor Goethe geschämt, daß er die hatte und glaubte. Und der weise Goethe kam ihm erst nach, als er erfuhr, was die Leiden eines Vaters sind.
Von Hermann habe ich einen Brief - ich weiß nicht, wie ich ihn nennen soll: liebevoll, tapfer, groß, alles paßt nicht. Es ist ein ganz einziger Brief, und so etwas ist ein Geschenk wie keines. Man wagt da nicht zu trösten. Er selber tröstet noch in seinem Schmerz.
Wir haben v. Molo gesprochen, und auch diese Trauer erneut sich jeden Tag, der mit grauem Himmel heraufzieht. Laß uns dies, was geschehen ist, und alles Kommende gemeinsam tragen, wie wir das ganze Leben in Schmerz und Glück gemeinsam getragen haben.
Dein
Eduard.