Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26./27. September 1941 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 26. September 1941.
Mein innig Geliebtes!
Unsre Briefe haben sich gekreuzt. Sie waren so auf den gleichen Ton gestimmt und berührten sich inhaltlich so stark, daß unsre Harmonie auf die Entfernung hin tief bestätigt wurde. Ich habe einen zweiten, sehr lieben Brief von Hermann erhalten, in dem er schöne Worte von Heinz zu seinem 60. Geburtstag wiedergibt. - Der arme Sechzigjährige! Wie sehr hätte man gewünscht, daß dieses schwere Los an ihm vorübergegangen wäre!
Heute kam das eingeschriebene Päckchen, das mit Freude begrüßt wurde. Für die Zeitungsausschnitte, die Deinem vorletzten Brief beilagen, danke ich auch noch. Die gute Weiner[über der Zeile] nte, die sich im Text überall als schlecht erweist, hat mich amüsiert. Ich trage das Blatt bei mir.
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Nach 23 Tagen fast ununterbrochener Arbeit habe ich das Schillermanuskript mit 190 Seiten Text + 30 Seiten mit 70 Anmerkungen abgeschlossen und in die Druckerei geschickt. Unmittelbar danach war ich zunächst krank. Es kam eine Ischiasanwandlung mit ganz minimalem Fieber hinzu, die mich veranlaßte, ¾ Tag im Bett zu bleiben. Die Ursache ist mir unerfindlich. Beim Sonntagsspaziergang am Tegeler See war ich mit der Fußspitze gegen eine Wurzel gestoßen. Vielleicht hat das den betr. Nerv gereizt. Aber die Hauptsache war die Erschöpfung an Schiller.
Die Korrekturen zu dem Aufsatz, den Du in Marienbad gelesen hast, sind erledigt. Ich bin jetzt bei dem Heft "Berlin als Sitz weltgestaltender Philosophie."
Unter den Besuchen, die wir gemacht haben (von der Begegnung mit Molo berichtete ich wohl schon) erwähne ich den bei Günthers nach ihrer Rückkehr vom Bodensee. Sie hatten in Kassel 3 Brandbomben in ihr Hotel bekommen u. das Gepäck mit Mühe gerettet.
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Mancherlei Kleines suche ich aus dem Gedächtnis zusammen. Wir hatten Besuch von Susanne's Vetter Wagner, Gutsbesitzer im Oderbruch. Auf der Heimfahrt hatten er u. seine Frau einen schweren Autounfall. Mit der netten, aber noch farblosen Nichte Sabine haben wir den einzigen Tagesausflug (nach Strausberg) gemacht. Er begann bei strömenden Regen. Der aber hörte genau so lange auf, wie wir unterwegs waren. (cf. Juden – Rotes Meer.) Gestern bei strahlendem Herbstwetter gingen wir mit Glasenapps durch den Grunewald. Nirgendwo erfährt man etwas Rechtes, höchstens noch bei dem alten Historiker. Ein Petersenschüler, Ordinanius in Prag, Trunz, war eine angenehme Begegnung. Eure Universität, die den Krieg (Krieck) dick hat, befragte mich in sympathischer Weise wegen des 2. Philosophen, der wohl eine Schildkröte sein müßte.
Künftiges: Am 4.X. fahre ich nach Bremen und komme (hoffentlich ungeschoren) am 6.X. zurück. Wenn es
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| geht, wäre es ratsam noch 3 Tage nach Freienwalde zu gehen. Aber am 12.X. liest der Staatsschauspieler Kayßler Goethe in der hiesigen Goethe-Gesellschaft. Dann wird es wohl schon Vorwinter sein.
Wenke u. die ganz niedliche Frau waren auch hier. Sie erzählten viel vom Bodensee (Stockach, Gaienhofen.) Dr. Buttmann aus Holland. Viele Feldpostbriefe von halb unbekannten früheren Hörern, darunter der Pfarrer v. Schönwalde.
Das ist lauter Häcksel, was ich Dir schreibe. Aber ich bin heute in keiner guten Kopfverfassung und habe soeben bei De Catt gelesen, daß das beim alten Fritz auch vorgekommen ist. Ich breche also für heute ab und empfehle mich Deiner Nachsicht.
Dein
Eduard.

27.IX.
Der erwähnte Zustand hält an. Ich habe mich den ganzen Tag mit dem Briefwechsel f. II. - Voltaire beschäftigt. In mir ist es ziemlich leer; es fehlt ein belebendes Moment von männlichem Umgang. Die Herbst<re. Rand>tage sind hier strahlend. Wir waren auf Dir bekanntem Wege in Schildhorn. Heute kam langer Brief v. Ukrainer Kopacz in Lemberg. Dort befriedigter Zustand, aber knapp zu essen. Die großen Dinge bilden eine Disharmonie mit Münster.
<li. Rand> Es ist eine rechte Flaute in mir, und ich fürchte, das ist nicht Stimmung, sondern Alter. Denn ich habe ja nun meine 30 Jahre schwersten Professorendienstes hinter mir. Innigst
D. O.

[Kopf] Ich soll am 6.XI. bei der Beisetzung von Petersens Urne in Schmargendorf reden.