Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Oktober 1941 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 14.X.41.
Mein innig Geliebtes!
Es ist zwar schon spät. Wir sind vor 2 Stunden aus Freienwalde zurückgekehrt, wo wir einen fünfstündigen Aufenthalt mit über 15 M Fahrgeld erkaufen mußten. Aber es war lohnend. Die Herbstfärbung ist zwar noch nicht ganz auf der Höhe. Aber der Weg zu dem ganz einsamen Baasee - hin und zurück reichlich 3 Stunden - hat doch den Leib durchgerüttelt und ein Bild vom Frieden in die Seele gesenkt, auf den wir anderwärts noch verzichten müssen. Trotz der verdienten Bettruhe will ich noch schnell, dem Drang gehorchend, für die Herbstzeitlosen danken, die nach 4 Tagen Fahrt ganz gut erhalten waren. So spät hast Du mir dieses lieb gewordene Zeichen nie geschickt. Um so symbolischer, daß Du sie noch gefunden hast - die "Zeitlosen."! Von den Äpfeln hatten wir einige mitgenommen. Sie erfreuen mich nur, wenn ich annehmen darf, daß für Dich selbst mindestens
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| der gleiche Vorrat nach Rohrbach gegangen ist. Du darfst mich in diesem Sinne niemals übervorteilen! Die Hausfrau wird selbst danken!
Sonntag bei Kayßlers Goethevorlesungen vereinten sich mindestens 400 dankbare Seelen. Ich habe über Petersen ein paar Worte gesagt, die mindestens durch Zitate aus Goethe und Schiller schön waren. Daß ich den Schauspieler, um nicht unter den Stil des Ganzen herunterzusinken, mit einem selbst verfaßten Sonett begrüßt habe, hat mindestens er nicht bemerkt u. von den anderen nur wenige. Das Ganze war im schönsten Sinne erhebend.
Der Schwager Heß und Willy Landgraf mit Frau kamen am gleichen Tage. Erinnerung an Jugendgemeinschaft, auch wenn sie nicht tief war, tut in späteren Jahren immer wohl. Der "neue" Schwager greift auch nicht ins Letzte. Aber man ist dankbar, Menschen zu sehen, die zu einem gehören. Morgen folgt nun der erste schwere Besuch bei Frau Petersen. Am 6.XI. soll ich bei der Beisetzung der Urne die Hauptrede halten. Schön, schmerzlich und schwer. Das Semester legt schon seine Hand auf meine Arbeiten. Aber ich bin in dem Berlin-Manuskript auch ein gutes Stück vorwärts gekommen. Es empfängt, obwohl historisch, mehr und mehr ein aktuelles Gewicht, worüber sich so kurz <li. Rand> nicht schreiben läßt. Unsere Religionsfrage, die ich fruchtbar mit Radbruch diskutiert habe, spiegelt sich in jenen Zeiten bedeutsam. - Bremen klingt gut nach. Leipzig (2.XI.) ist nun das Nächste. Ich hatte auch einen Brief von der Witwe <re. Rand> von Driesch †. Überhaupt ist die Post wieder einmal enorm, und manches darin liest sich erfreulich. So habe ich jetzt eine 16jährige reizende Korrespondentin in Darmstadt. Nun bin ich ziemlich müde. Hoffen wir, daß die Engländer immer noch "in den Ferien" sind.
<Kopf>
Innigst Dein Eduard.