Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. November 1941 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
Dahlem, den 14. November 1941.
Mein innig Geliebtes!
Die Wetterlage gibt mir besonderen Anlaß zur Sorge um Dich. Du bist schon ausgegangen, aber es wird bei Euch ähnlich sein wie hier. Wir haben seit 9 Tagen fast ununterbrochen Sturm, denen eine Woche mit starkem Wind vorangegangen ist. Etwas derartiges habe ich in Berlin noch niemals erlebt. Heute früh hatten wir außerdem 6°R. unter Null. Der Grunewaldsee war zur Hälfte schon gefroren; aber das Eis sah aus, wie Sandinseln, so hatte es der Sturm schon wieder überweht.
Bei dem Wetter geht nun der Meinecke, der Franke, der Wilcken in die Akademie (alle 79.), der Planck natürlich mit über 85! Vorgestern erschien (mit Auto) in der 1. Mittwochsgesellschaft auch der 84jährige Penck, der soeben von 16 monatlichem Aufenthalt in Mittenwald zurückgekehrt war.
[2]
| Auch für mich begann mit diesem Tage die "Rückkehr in die Welt". Es waren alle da, die inzwischen nicht gestorben sind, außer Lietzmann, den man nach der 2. großen Operation an Darmkrebs über den Berg glaubte (ich hatte ihn besucht), den aber Sauerbruch noch ein drittes Mal unters Messer nehmen mußte. Auch S. selbst war da und geigte den zeitgemäßen Schwätzern aus seiner grundanständigen Art dermaßen kräftig auf, daß die Funken stoben. (Es ging um die Haltung der Schweiz.) Ich hatte dabei einen vielwissenden Nachbar, der starke Gegengründe gegen das hatte, was wir in Marienbad gemäß den Tagesstunden hörten. Frau v. Hassell (cf. Mittenwald, Tochter v. Tirpitz,) war auch da und begrüßte mich sehr warm. Mit Beck besteht schon ein Band stiller Sympathie.
Gestern besuchte ich vor der Akademie das Massenfressen der "Deutschen Akademie" im Kaiserhof, wo der General v. Rabenau, den ich schätze, sehr gut über Seeckt sprach,
[3]
| mit dem u. Solf und Simons ich mehrfach im gleichen Hause zusammen war. Ich sah zahlreiche alte Bekannte mitten im Nadelwald. Neben mir saß Fießler, ein Name, der f.... klingt und mir nicht bekannt war. Aus seiner ehernen Schweigsamkeit holte ich doch heraus, daß er in Kassel lebt (kennst Du Fießler-Storch-Flugzeuge?), daß K. ganz industriell geworden und sehr übel mitgenommen ist. Ich war vor 8 Tagen bei dem Vorsitzenden des Vereins für Geschichte Berlins Kübler in Moabit. 3 Tage später wurde das Nebenhaus völlig zerstört, und noch heute haben sie keine Fensterscheiben in der Wohnung. Am Tage danach war ich dicht dabei beim Pfarrer Link (der von 400 Obdachlosen dort sprach.) Da trafen wir auch wieder die sehr verehrte Frau v. Weizsäcker. Sie versteht, sich sehr gut auszudrücken.
Der Chinese Dr. Chang Tieu Lin hat meine Jugendpsychologie übersetzt. Er hofft im Dezember über Ankara, Basrah, Bombay, Kalkutta etc. mit Frau und Kind heimkehren zu können. Abenteuerliche
[4]
| Schicksale! noch schrecklicher aber (und stärker bemerkt) die der anderen Orientalen! Was Du Frau Dr. Clauß und Maaß zutraust, muß doch von mächtigeren Stellen ausgehn!
Meine Arbeit war schon in den letzten 10 Tagen zersplittert. Das Semester macht sich schon fühlbar. Am 19.XI. beginnt es und zugleich der sonstige Winterbetrieb, dem ich mit Berufung auf die frühe Dunkelheit möglichst entfliehen werde. Der letzte Alarm kam schon 9.20.
Frage doch mal Rösel Hecht, ob ihr unter den Vortragenden der früheren Ch. g. ein Prof. Otto Julius Hartmann aus Graz begegnet ist. Das scheint mir nach einem Buch, das ich gelesen habe, ein sehr bedeutender Mann (übrigens Katholik). Auch in dem Psychiater Prof. v. Hattingberg habe ich am letzten Sonntag eine geistvolle Persönlichkeit kennen gelernt.
Ich hause schon wieder unten, der Wärme wegen, und schreibe am ungewohnten Ort. Auch daher die schlechte Handschrift. Hier unten ist es vorläufig warm genug. Aber der Kohlenvorrat ist bei solchen Temperaturen schon im Januar zu Ende. Was wird aus den Kartoffeln. Für Äpfel, <li. Rand> die nun aber die letzten abgegebenen sein müssen, danke ich mit Susanne vielmals. Die Zigarren enden mit den Kohlen. Riskiere ihretwegen gesundheitlich nichts. Denn <Kopf> es wäre doch nur ein Tropfen in den bald leeren Topf. Für heute innigst grüßend Schluß. Dein Eduard