Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29./30. November 1941 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 29. November 41.
Mein innig Geliebtes!
Das Semester spielt nun seit knapp 14 Tagen. Es hat sich bisher als das regste seit Kriegsbeginn erwiesen. Allerdings arbeite ich mit 75% Damen. Aber es kommt da etwas von dem alten Glück der Mädchenschulzeit wieder mit herauf, und trotz "allem" erfüllt mich der alte furor des "Lehrens." In der Vorlesung habe ich wohl 250 Zuhörer, im Seminar leider zum Anfang 68 gepökelt sitzende Teilnehmer. Es macht mir, wie vor 30 Jahren, Freude, auf dem Instrument dieses Dreiviertel-Damenkreises zu spielen. Nur ein Unterschied ist da: damals wirkte man durch ethisch-erhebende große Objekte. Heute soll man "Probleme" wissenschaftlicher Art zum Bewußtsein bringen. Das ist nun ein billiger Sieg. Denn von Natur sieht keine Frau ein Problem, und generell gesprochen soll sie das auch garnicht. Aber sie nennen sich doch einmal "Studen
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|tinnen". Und so mußte ich sie gestern zu dem Bewußtsein bringen, als wir die Vererbungslehre behandelten: "ich weiß nur, daß ich nichts weiß" (= Sokrates.) Ein paar Männer, wenig Urlauber; dafür einige "alte Herren", sind dabei. Alle natürlich im wirklichen Denken ungeübt. Es fehlt der Beisatz einer gewissen Rasse, mit der man früher ernsthafte Kämpfe zu führen hatte.
Die Freiheit der Ferienspaziergänge ist natürlich vorbei. |Wenn Mittwochsgesellschaft ist, sind Mittwoch bis Freitag Nachmittag ohnehin besetzt. Die 3 anderen Nachmittage gehen immer darauf für eingeladene Studenten, Klienten, Ausländer u.s.f. Bis zum 20.XII ist jeder Tag vorbesetzt. Die genannte Gesellschaft hat bisher zweimal stattgefunden und war beide Male für die Sicht der Dinge aufschlußreich. Das erste Mal führte Sauerbruch einen wohltuenden Kampf, das zweite Mal kam ich mit meinem miltärischen Freund, den ich sehr zu lieben begonnen habe, mitten
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| ins Zentrum. Am 3.XII. werde ich ihn allein besuchen. Die andre Gesellschaft, ich nenne ihn den "Dahlemer Senilitätsverein", fand zunächst bei Meinecke statt, der sehr schön über Mörike und Lyrik überhaupt sprach. Am 13.XII. wird dieser Kreis bei uns sein, was mir ein bißchen wie ein Berg vor Augen liegt. Denn wenn alle kämen, wären es 22! Und worüber soll ich vortragen?
Gegenüber den faulen Japanern fesselt mich z. Z. ein tüchtiger, zielbewußter Chinese, der in 14 Tagen mit Frau und Kind auf gefährlichen Wege (Ankara) heimfahren will und in seiner Heimat für Fröbel wirken will. Ich habe beim A.A. bewirkt, daß man ihm die geeigneten Bücher als Geschenk mitgibt. Ob er durchkommen wird?
Sonst habe ich einen Ungarn, einen Rumänen und einen Ukrainer, dessen Äußerungen man am besten nicht drucken lassen wird. Berlin ist voll bis in die Fabriken und Volksschulen von Gerüchten über die neuesten Fliegerunfälle. Es versteht sich, daß wir uns nicht daran kehren, wenn Ida davon erzählt.
Litt hat neue kräftige Konflikte. Die
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| Görres-Gesellschaft ist aufgehoben. In der Akademie ist viel Krankheit: Heymann operiert, Lietzmann zum dritten Mal an Darmkrebs von Sauerbruch operiert.
Wenke war hier, aktiv wie immer, er hat viele Aussichten - weil er tüchtig ist und weil es nur ganz wenige gibt. Günther, den wir besucht haben, ist in ein etwas karges und unruhiges Terrain zurückgekehrt. Einen holländischen Bekannten habe ich sprechen hören - der nichts sieht oder nichts sehen will. Adalbert Körner kehrt als Syndikus der DAF. in die Heimat zurück. Sein Vater ist gefallen.x) [li. Rand] x) Gott sei Dank nur auf der Haustreppe. Eulenburg ist operiert. Besucht habe ich Frau Kühne und Thiele. Zu kaufen gibt es nichts, zu sparen [über der Zeile] (und eifern.) viel. Ich habe aber Karoline Lang (Kreuznach) für Weinerwerb vorgespannt (mit bescheidenem Erfolg.) Ende Januar endet mein Rauchvorrat, und von da an dürfen nur noch interessante Arbeiten vorkommen; sonst halte ich es nicht aus. Zigaretten frißt der Teufel. Also auch ich.
Heute habe ich einen interessanten Vortrag von Haushofer jr. gehört. Neulich
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| General v. Rabenau über Seeckt in der Deutschen Akademie (daß ich neben Fieseler - Kassel saß, schrieb ich wohl schon.) Morgen redet ein Jüngerer in m. hiesigen Goethegesellschaft über "Göthes böhmische Reisen." [] (Marienbad)
Die Nachfolge Petersen wird ein Kampf, und der üble Koch steht vorläufig dabei ziemlich isoliert. Aber solche Leute siegen zuletzt doch.
Eine merkwürdige, höchst merkwürdige Lektüre ist der Steinerianer Otto Julius Hartmann: "Der Mensch als Selbstgestalter seines Schicksals." Er beweist sehr geistvoll viel Unbeweisbares, z. B., daß wir uns wirklich unsre Eltern "wählen."
Unser ärztlicher Schwager ist, telegraphisch beordert, seit 2½ Monaten hier, um "sofort" das Kommando eines vorbildlich modernen Lazarettzuges zu übernehmen. Das sagt wohl vieles. Und vieles hört eben auf. Z. B. Schule und dgl. Der Baum fault von innen, nicht von der Rinde.
Ob ich nun alles berührt habe, weiß ich bei dieser Art von Geplauder ohne vorangehende "Liste" nicht. Sage mir bitte das
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| Eine, ob ich Dir Kerschensteiners Biographie schon geschickt habe. (??)
Nicht nur mit Krieck nimmt es ein trübes Ende, sondern mit der ganzen gleichschlächtigen Gesellschaft. Allmählich wollen die Leute doch wieder Echtes haben. Selten und verschwiegen ist es freilich. Über das bedenklich Morsche sprach ich mit jenem Freund. Wie soll man sich mit der Seele dazu stellen? Wir werden es wissen, wenn wir uns, aufgestiegen nach Walhalla, dort wiedersehen -
Ich habe müde angefangen und bin nun gründlich müde, trotz Dextropur, das - zweifelnd genommen - sich anscheinend sehr gut bewährt hat.
Also fühle die Fäden des Unausgesprochenen und Unaussprechbaren und sei innigst gegrüßt, auch von der "Gattin", der immer verhärteten und sanften und Besserwissenden,
von Deinem getreuesten
Eduard

[] An Hermann habe ich zum Totenfest geschrieben.
[re. Rand] Ist der Husten nun ganz weg?

<li. Rand>
30.XI. Wir haben beide seit heute einen kräftigen Schnupfen. 3° minus, absolut klares Wetter. - Von Benz habe ich leider nichts gelesen. Er wird mir sehr empfohlen für Rede hier.