Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Dezember 1941 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 16. Dezember 1941.
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Mein innig Geliebtes!
Diesen Augenblick ist Dein lieber Brief gekommen. Ich habe gerade eine halbe Stunde Zeit und schreibe sogleich wieder. Du wirst diese Zeilen wohl schon als Weihnachtsbrief betrachten müssen. Denn was man zu den Festtagen selbst schreibt, kommt bei Euch bekanntlich erst zu Neujahr an. Ein ganz kleines Päckchen, das hier heute abgeht, wird hoffentlich bis zum 26.XII in Rohrbach sein.
Ich habe mich am 1. Dezember erkältet. Die Sache blieb beim Schnupfen. Sonntag 7.XII. aber hatte ich Fieber und bin dann 2½ Tage im Bett geblieben. Ich habe keine Vorlesung ausfallen lassen, aber manches andere versäumen müssen. Anscheinend handelte es sich wieder um eine eitrige Sache in der rechten Nasenhöhle. Es ist unvorstellbar, was ich in den letzten 8 Tagen herausbefördert habe.
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Während ich lag, kam die sehr betrübende Nachricht vom Tode der Nachbarin Frau Hertz. Sie hatte sich für einen kurzen Sanatoriumsaufenthalt verabschiedet; die angeblich leichte Operation ist wegen allgemeiner Schwäche nicht gelungen. An der Trauerfeier konnten wir nicht teilnehmen, weil das Dahlemer Kränzchen schwer abzusagen war. Es hat nach vielen häuslichen Verstimmungen mit 15 Teilnehmern tatsächlich stattgefunden. Ich habe japanische Erinnerungen erzählt, es war aber "nicht viel wert." Anwesend 2 Schmidt-Ott, 2 Lüders, 2 Oncken, 2 Heuß (Heuß-Knapp.) 2 v. Wettstein 1 v. Tirpitz, 1 Dünhoff u. Frau Meinecke (er liegt wieder.)
Die Japanische Botschaft hat mich gebeten, ein Buch: "Einführung in die jap. Kultur" zu schreiben. Ich habe erklärt, daß ich das nur mit 1 Japaner könnte. Man hat mir den Dr. Haga beigeordnet, den Du
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| wohl aus Japanbriefen kennst, einen Schüler v. Bertram.
Am Sonntag war der halbflügge Fliegerneffe Dieter (zur Gans!) bei uns. Gestern haben wir Eulenburg besucht, der eine schwere Operation gut überstanden hat. Der andre Patient, Lietzmann, hat nach der 3. Operation am 10.XII. an der Mi. Gesellschaft teilgenommen, die ich versäumen mußte.
Mein Besuch an der damit zusammenhängenden Einzelstelle war wohltuend. Er überraschte mich durch den Optimismus hinsichtlich der Aussichten innerer Entwicklung.
Am Freitag wünscht das Seminar einen geselligen Anhang. Am Sonnabend ist Weihnachtsfeier der Personalprüfer. Es ist eigentlich nicht viel zu tun, aber die Zeit ist immer zerrissen, u. zu meinen eignen Sachen bin ich seit 4 Wochen nicht mehr gekommen.
Der L.zug, auf den der Schwager hier 2 Monate warten mußte, ist an schlechten Bremsen gescheitert, ein Wagen hat gebrannt, und in Königsberg hatte die Sache ein vorläufiges Ende.
Du bist also für die Feiertage untergebracht. Es ist mir lieb, daß Du nicht nach O.-Dielbach
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| gehst. Das Wetter ist ungesund. Wir haben hier durchschnittlich +8°R. Da keine Kohlenzulage in Sicht, sind diese Ersparnisse erwünscht.
Wenn Singapor fallen sollte, wäre E. schwerer getroffen als durch irgend etwas, das in Ägypten passieren könnte. Die Japaner gehen ja mit ungeheurem Schneid heran. Die Heimkehr des netten Chinesen mit Frau u. Kind ist im letzten Augenblick in Frage gestellt. Denn Ch. hat uns ja den Krieg erklärt.
Aus dem Auslande höre ich garnichts mehr, abgesehen von Feldpostbriefen. Daß Najdanovic sich als lebend gemeldet hat u. daß Louvaris mal wieder geschrieben hat, habe ich wohl schon mitgeteilt.
Hoffentlich hast Du mal wieder Gelegenheit zu musikalischen Genüssen wie neulich bei Mozart. Für uns hat es Derartiges außer einem Riebensahmkonzert nicht gegeben. Wir verstumpfen allmählich.
Ich habe noch zu erwähnen vergessen, daß der ältere Sohn v. Ogrowsky gefallen ist.
Nachmittags muß ich in die Stadt. Sollte also der nächste Brief nicht rechtzeitig eintreffen, so fühle schon aus diesem das weihnachtl. treue <li. Rand> Gedenken - wie jedes Jahr. Innigst Dein
Eduard.

[re. Rand] Der blaue Goethevortrag ist nicht käuflich.
[Kopf] Ist Dir die 200 M-Sendung vom 20.XI. gemeldet worden?