Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Dezember 1941 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 23.XII.41.  10 Uhr vorm.
Mein innig Geliebtes!
Vor dem 1. Feiertag wird dieser Festgruß nun doch nicht bei Dir sein. Ich danke zunächst für lieben Konfusionsbrief und melde, daß hier von Dir 2 Päckchen eingetroffen sind.
Man ist einigermaßen aufgewühlt. Denn seit Sonnabend stehen wir vor einer völlig veränderten Situation (wie ich für den 21.XII. etwas prophezeit hatte.) Vom Wechsel des Oberbefehls erfuhren wir bei der Weihnachtsfeier meiner militärischen Dienststelle. Die 2. Sensation, das Eisbein, trat demgegenüber zurück. Eigentlich mußte man von dem Heeresbericht an aufhorchen, der vom Übergang zum Stellungskrieg im Osten sprach. Daß es in Nordafrika sehr schlecht steht, war ja seit langem zu merken. Im Osten, wo die Russen offenbar angreifen und vorrücken, sollen neue amerikanische Panzerwagen auftreten, mit denen wir nicht fertig werden. Bei Rostow soll die Leibstandarte ziemlich dezimiert sein. Sehr überraschend wirkt auch die Aufforderung zum Sammeln von Wollsachen etc. Von einer ungewöhnlich frühen Winterkälte kann doch eigentlich am 21.XII. nicht mehr die Rede sein. - Es sind
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| verschiedene Leute von der Front bei mir gewesen, z. B. auch aus Griechenland, wo englische Flieger u. vor allem der Hunger dominieren sollen. - Meine Frage zum Hauptpunkt ist vorläufig noch, wer den Abschied gegeben und wer ihn bekommen hat. Jedenfalls befinden wir uns in einem neuen Abschnitt der Entwicklung.
Sonntag waren wir in der Kirche, (Kirchweih 10 jähr.), ohne von Röhrichts Rede erwärmt zu werden. Frau Arnthal ist gestorben - eine Befreiung. Gestern war Anneliese Maier bei uns. Von anderer Seite höre ich, daß in 4 italienischen Provinzen wie auch in Paris Belagerungszustand ist.
Um nun zum Privaten zu kommen, so ist die Weihnachtszeit hier wieder so unruhig wie leider immer. Die Briefe wälzen sich in Massen herein. Bis zum 4.I. haben wir für jeden Tag etwas annehmen müssen. Zu m. Arbeitsplänen werde ich dabei schlecht kommen. Jedes einzelne genommen, ist ganz erfreuend. Aber in der Summierung erdrückt es einem.
Aber morgen Abend, nach "Geschäftsschluß", werde ich ganz in der Stille bei Dir sein. Und von allen "Gaben" ist im voraus die schönste diese feste Gewißheit zwischen uns - nach der nun kommen mag, was muß, auch wenn es so kommt, wie es leider kollektiv verdient ist. Ich danke Dir immer aufs neue, daß Du da bist und in Deiner Treue bei mir bist. Auch von Susanne sende ich herzliche Festgrüße und -wünsche, Verlebe die Tage <li. Rand> gesund und in dem Frieden, der höher ist als alle - Welt!
Innigst Dein
Eduard.

[re. Rand] Von einer Frau Haberkorn in der Dantestr., der Mutter der spinalgelähmten Studentin Haberkorn, weißt Du wohl nichts?
[Kopf] Bitte grüße den Vorstand!