Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Dezember 1941 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 29.XII.41.
Mein innig Geliebtes!
Weihnachten stand unter dem Zeichen des plötzlichen Rückschlages. Nirgends fand man unbeschwerte Herzen; am wenigsten bei den vielen, die Verwandte im Osten haben. Heinz ist uns genommen worden als einer, dessen Heldentum beachtet, dessen Wunde noch gepflegt wurde. Jetzt vollzieht sich das Schicksal in Formen, an die man nicht denken kann, ohne zu erstarren. - -
Ganz in der Stille aber ist noch die ernste tiefe Freude erlaubt, die nicht aus Illusionen, auch nicht aus "Intuitionen", sondern aus einer festen Gemeinsamkeit gegenüber den Schicksalen der Welt erwächst. Ich erkannte die Landschaft sofort; ich freue mich der festen Kette, statt der Dornen des vorigen Jahres. Die "Regenwürmer" [über der Zeile] etc. bringen auch ein harmloses Erinnern, und die Zigarren allein dienen dem Genußleben, neben dem allerdings immer
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| die Arbeit herläuft. - Für alles dies Liebe danke ich Dir von Herzen.
Um an das Stichwort Zigarren anzuknüpfen, so ist mit ca 250 Stück meine Existenz bis Semesterende gesichert (von Honig, Senzoku - Suga, dem SS-Mann Plötz, Wenke, Krogner, Frl. Jung u. anderen.) Auch habe ich so viel Bücher bekommen, wie man es nicht glauben sollte, überwiegend Neuerscheinungen! Wir hatten einen Baum und sogar viel weihnachtliches Backwerk. Alles unverdient.
Nach dem üblichen Heiligen Abend mit den netten Hausgenossinnen, der wieder munteren Wingeleit und dem ewig blinden H. waren wir in der kleinen Dorfkirche. Am 1. Feiertag besuchten wir [über der Zeile] die 4 Honigs, wo außer uns nur noch der Fliegerneffe Dieter (blaß) erschien. Am 2. Feiertag vorm. hatte ich ernste Gespräche mit Meineckes u. dann wir beide mit Herrn u. Frau v. Tirpitz (beide Söhne auf Urlaub.) Nachm. war Frau Petersen von 4-7 allein bei uns.
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| Gestern besuchte uns der gut orientierte Freund aus dem Arndtgymnasium; nachm. Gedenkkonzert für Frau v. Bülow. Ich dachte an den 1. Besuch in ihrem Hause um 1904.
Aber gestern früh hatten wir einen tödlichen Schreck. Um 7¼ telephonierte Jenny bei uns an, ob Marianne bei uns sei; sie sei über Nacht v. Berlin nicht nach Hause gekommen. Der Vater mobilisierte die Polizei vom Präsidenten an, die Krankenhäuser u.s.w. Dunkle Vorstellungen von Eisenbahnunfall (unser Rektor ist so vor kurzem zu Fall gekommen), Liegen bei 5° Kälte und was sich sonst aufdrängt. - - - Drei Stunden später kam die erlösende Nachricht, die dumme Gans sei eingetroffen, habe sich bei einer Freundin verspätet, das Telephonieren sei nicht geglückt. Angst verwandelte sich in Erleichterung, aber auch in Zorn. Ich glaube doch, dieses Wesen ist mindestens zeitweise schwachsinnig.
Wir haben heute 6°R. Kälte und Schneesturm; aus dem erhofften freien Tage morgen mit Hedwig Koch draußen wird nichts werden. Nachher gehen wir zu Glasenapps.
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In den Festtagen habe ich außer der wie immer kaum zu bewältigenden Schreiberei 2 kleine Aufsätze vollendet. Für die nächsten Tage erwarten wir bzw. besuchen wir Wallners, Direktor Gurland von der ehemal. Deutschen Schule in Riga, Stellmann, Böden, Elisabeth Menzel, geb. Lüpke u.s.w.
Du weißt, daß ich mir bei Silvester nichts denke; aber auch, daß ich am Jahresschluß noch einmal mit besonderer Intensität an Dich denke. Den Sinn dieser Gedanken in Worte zu fassen, versuche ich nicht. Du kennst ihn, wir leben in ihm und durch ihn. Wichtig aber ist es, den Wunsch auszusprechen, daß Du immer für Deine Gesundheit sorgst; nicht bloß so obenhin, sondern aufmerksam. Und noch einmal danke ich Dir für alle Lieben u. willkommenen Gaben, wobei ich auch den für Susannes Anteil meinerseits vorwegnehme. Gott schütze Dich auch 1942 mit Seiner Gnade!
Innigst Dein
Eduard
mit herzlichen Grüßen von Susanne.