Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16./17. Januar 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16.I.41.
Mein geliebtes Herz!
Nun hat also das Trimester wieder angefangen und also noch größerer Mangel an Zeit zu Eigenem. Ich hoffe aber, daß Ihr ebenso wie wir viele ungestörte Nächte hattet und daß darin wenigstens die Kräfte nicht verbraucht wurden.- Wie froh war ich, daß ich endlich wieder Deine liebe Handschrift zu sehen bekam. Die Post war wirklich darin ganz ausgesucht dämlich, sowohl hier wie in Dielbach. Denn hier fand der Postbote nicht nötig "bei Lehrer Kohler" dazu zu schreiben, wie ich genau angegeben hatte, und in Dielbach schickten sie wendend zurück, anstatt eine Nachfrage abzuwarten. Denn außer dem Gruß von Hermann, der das gleiche Schicksal hatte, kamen die andern Sachen mit vollständiger Adresse nach, trafen mich aber nicht mehr an, weil alles so durch den Schnee verzögert war. Obgleich ich nun an dem Übel nicht schuldig sondern nur leidtragend war, werde ich: "Ihnen die 25 Pf. natürlich gutschreiben".
Inzwischen kam ja nun mein Schreiben an Susanne und Dich und erzählte Euch, daß die Tage da oben mir wohltuend waren. Man kann doch aus der Ferne eine Wirkung nicht immer so abschätzen und sowohl mit Frau Kühn wie hiermit ist Deine liebe "Mißbilligung" nicht zutreffend. Die Alte ist jetzt immer höchst liebenswürdig und dienstbeflissen.
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| Und in Dielbach habe ich in Faulheit und Behagen den vorhandenen Katarrh auskuriert. - Hier zu Haus muß ich doch eben in Wind und Wetter hinaus, mindestens zu Einkäufen, und mit der häuslichen Arbeit, die ich wirklich nicht übertreibe!, werde ich jetzt immer sehr müde und bekomme Rückenschmerzen. Hoffentlich erfülle ich in Jena die geforderte Arbeit gut, denn es wird ja nun wohl bald damit beginnen. Ich freue mich darauf, endlich mal wieder für einen realen Nutzen zu arbeiten, aber die ganze Sache ist ja in heutiger Zeit ein Entschluß. Denn an dem was ich bei Meusels erfuhr, ist für die fahrende Habe in einem Ernstfalle die persönliche Anwesenheit sehr nötig. Und was habe ich denn sonst noch an Realien! Ob die paar Wertpapiere bei der Filiale der Dresdener Bank in guter Hut sind, scheint mir problematisch. Die Aufstellung, die ich jetzt bekam, war ungenau.
- - Eine reine Freude war mir die Lektüre der Kerschensteiner-Biographie. Wie lebendig, flott, knapp und kräftig ist da alles gesagt, und welch warmes, liebenswürdiges Bild ist gezeichnet. Daß er aus so engen Verhältnissen kam, wußte ich nicht.
Daß Dir der Yxem gefiel, hörte ich gern. Woher er kommt, weiß ich nicht. Er muß unter den Sachen nach Tantchens Tode gewesen sein. - Die kleine Radierung kann ja eine geschickte Fälschung sein. Aber auf alle Fälle ist sie figuriert mit Jahreszahl
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| und scheint charakteristisch. Entwertet ist sie natürlich durch den schlechten Zustand des Papiers. Aber Deine Deutung gefällt mir nicht; ich weiß Besseres dabei zu denken. -
Nach mehreren kurzen Ansätzen zu wärmerem Wetter scheint jetzt wirkliches Tauwetter einzutreten. Das wird eine schöne Patsche und zunächst für draußen Glatteis geben. In der Stadt ist ja schon vieles fortgeschafft, aber hier liegt noch die weiße Decke in glitzernder Frische und nur durchzogen von festgetretenen Pfaden und flotten Rodelbahnen. Der Vorstand wagt sich dabei nicht vor die Tür, Adele dagegen ist oft unterwegs und das ist auf der abschüssigen Straße recht gewagt. Beide bombardieren mich oft mit Karten. Das ist wohl so eine Alterserscheinung, dies eilige Mitteilungsbedürfnis. Was mag Frau Meinecke von Adeles Gedanken wissen? Ich glaube, es ist bei ihr Wunschbild und Erkenntnis unklar gemischt; jedenfalls behauptet sie, ich beurteile sie falsch, wenn ich mich auf ihre eigenen Äußerungen berufe. - -
Über Deinen Vortrag in der Goethe-Gesellschaft schickte mir Elisabeth Vetter, (die Wahrsagersche), eine Rezension aus dem Berl. LokalAnz. Wer ist der P.K. Berichter?
Von der Werther-Krisis handelt auch ein Aufsatz von Hillebrandt. Es freut mich, daß der Mann wieder beachtet wird, und daß mein Wohlgefallen
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| an ihm ein begründetes war.
Ist die Mittwochsgesellschaft erfreulich verlaufen? Hoffentlich folgt diesem kräftigen Semestereinsatz am 15. eine etwas gemäßigteres Tempo.
Den mitgesandten Brief habe ich mit Freude gelesen. Der korrekte und etwas umständliche Mann hat ein warmes Gemüt, in dem sich merkwürdige Gegensätze vereinigen, aber sein Grundgefühl ist echt.x [hinter diesem Absatz] x den Brief schicke ich nächstesmal mit. - - Ob wohl inzwischen auch Nachricht von den Schwestern Kiehm gekommen ist? Manche Weihnachtssendung hat sich ja sehr verzögert, so z. B. auch die Eure. Und sie war doch früher abgegangen als meine.

17.I. Heute nur rasch noch Schluß, damit der Brief fortkommt. Ich hatte Handwerker im Haus, weil der Gurt am Rolladen gerissen war und das hat den ganzen Vormittag gekostet und wird noch eine ganze Menge Geld kosten. Aber mehr als 5M brauche ich nicht zu bezahlen für eine Reparatur. Vielleicht wird es also Wirtssache.
- Zum Kaffee war Frau Buttmi bei mir, die eben fortging und jetzt will ich zur Post, denn am Sonntag soll der Gruß Dich doch erreichen. Grüße auch Susanne herzlich. In stetem Gedenken
Deine
Käthe