Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. Januar 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 22. Januar 1941.
Mein geliebtes Herz!
Am Sonntag war der schöne Vortrag bei mir. Eigentlich kam er schon Sonnabend, aber ich fand ihn erst bei der Heimkehr gegen Abend im Kasten und war dann nach Erledigung aller kleinen Pflichten so müde, daß ich fühlte, nicht zu voller Aufnahme fähig zu sein. Und so schlief ich, die Drucksache auf dem Deckbett!, bis ich, um 5 Uhr früh, frisch und hell erwachte - froh und bereit. Und wie völlig hast Du meine gespannte Erwartung erfüllt, es ist mir, als spräche die Stimme "des unbekannten Gottes" aus Dir. Denn ich muß es wohl sagen - trotz vieler "durchgehauenen Aussichten", an denen mein Lebensweg vorüber kam - mir ist er nicht immer fühlbar nahe. Du aber hast mir einmal wieder volle andächtiger Gewißheit geschenkt. Das ist die wirkliche Welt, in der wir zueinander gefunden haben, die wir immer wieder suchten. Denn sie will beständig erkämpft sein. Wir nannten es: das Zeitlose.
Damals, vor 1903, sagte ich mir: es muß jetzt jemand kommen, der eine Religion bringt, die mit dem gesicherten Wissen
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| unsrer Zeit vereinbar ist. Und mein Glaube an dies Wissen war damals bei weitem ausschließender. Als Du dann kamst mit Deinen Problemen und Deinem inneren Lebensweg schien alles eine andere Richtung zu nehmen. Und jetzt - nach weitem, umspannendem Bogen - sind wir nicht wieder an der gleichen Stelle, fester und klarer als damals? Spiraltendenz des Lebens!
Wie oft ist mir das Bild vom Höhenweg am Rande des Abgrunds gegenwärtig gewesen in den Jahren, als ich Dir voller Vertrauen in Deine Sendung eine Hülfe sein durfte! Jetzt erprobt uns das Leben in anderer Art, aber unsre Gewißheit soll es nicht mehr erschüttern. Und wenn die Dunkelheit und Verzweiflung unsrer Tage Herr über uns werden will, dann kommt wieder irgend eine Botschaft des Lichts zu uns. - So war in der letzten Woche Mehreres zusammen. Bei Schoepffers lasen wir eine feine Broschüre des Theologen Thielicke: Wo ist Gott? Man wußte über den Mann sehr Zeitgemäßes.x [li. Rand] x siehe Drechsler. - Und am Sonntag um 10 war ich, verabredet mit Frau Buttmi, bei Pfarrer Maas zu einer sehr
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| schönen Predigt über Epistel Johannis I, 5 u. 6. Und das alles zusammen hat mich auf mich selbst zurückgewiesen: wo ist die Kraft des Lichtes in mir, wenn Weltuntergangsstimmung solche Gewalt über mich hat? Sollte nicht das Glück und die Gewißheit der tiefen Gemeinschaft mit Dir, die mich aus den Worten Deines Vortrags mit Andacht überströmen, mich zu einem viel festeren und besseren Menschen machen? - Schon im Täglichen bleibt da der wunde Punkt mit dem Vorstand, die mir in all ihren Eigenheiten so schwer zu ertragen ist. Werden da alle guten Vorsätze mir Pflastersteine auf dem Wege zur Hölle? - Wie gut sind doch all diese alten Bilder! Denn wie endlos quälend ist doch etwas, das wir nicht wieder gut machen können! -
Von Mädi hatte ich einen Brief aus Badgastein, wo der Mann mit seiner Schulklasse, wie es scheint, sein pädagogisches Talent entdeckt hat, im Gegensatz zu den andern Lehrern, die wenig Fühlung dafür zu haben scheinen. - Bei Adele war ich heute, um ihr beim Ordnen alter Drucksachen zu helfen. Es scheint mir aber aussichtslos, denn sie fängt immer wieder nach andern Prinzipien an. - Für mich muß ich bedacht sein, nun wohl allmälig die Reise nach Jena vorzubereiten. Der
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| Brief von Prof. Seidel kündigt es an. Aber vorläufig ist es ja nicht eigentlich richtig Tag! Wenigstens muß man hier noch bis gegen 9 Uhr Licht brennen. Eine seltsame Erscheinung des Winters sind dies Jahr die Krähen, die sich bei Sonnenuntergang zu vielen Hunderten am Waldesrande sammeln und bei starker Kälte bis in den Vormittag hinein die Bäume bedecken, als wären sie schwarz belaubt. Manchmal entsteht ein Streit und dann jagen sich die Schwärme über den ganzen Himmel. Es hat etwas Unheimliches.
- Aber ich will solchen dunklen Gefühlen aus dem Kosmos nicht Raum geben. Hat nicht das Leben in seinen "weitstrahlsinnigen" Beziehungen so oft schon deutlich und führend zu mir gesprochen? Und so will ich heute nur noch danken, Dir, mein geliebter Lebenskamerad, und Gott, der uns auf unserm Wege immer wieder begegnet und der uns führt. Grüße Susanne und sei selbst innig gegrüßt von
Deiner
Käthe.

[li. Rand] Was ist das eigentlich mit der Betreuung von Wolfgang Scheibes durch Susanne? Sind sie unterstützungsbedürftig?