Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29./31. Januar 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29.I.1941.
Mein geliebtes Herz!
Unsre Briefe haben sich leider gekreuzt; und ich hatte noch garnicht gehofft, wieder von Dir Nachricht zu bekommen! Umso dankbarer war ich dafür. Bis auf das Zahnen waren es ja eigentlich gute Nachrichten, denn Arbeit - Arbeit, das gehört nun mal dazu! Wenn es nur endlich einmal wieder ungestörte Eigenarbeit sein könnte! Bis wann dauert das Trimester denn? Bis zum 1. April? Wenn Ihr jetzt Telefon bekommt, dann bitte ich um Mitteilung der Nummer. Es kann ja immer der Fall eintreten, daß man eine eilige Mitteilung hätte. Freilich, von großer Wichtigkeit ist heute wohl selten etwas, das einen selbst betrifft. Und was die übrigen Verhältnisse betrifft [über der Zeile] angeht, so teile ich Deine Besorgnis nach allen Himmelsrichtungen. - Am Sonntag werde ich dem Vorstand auch in Deinem Namen gratulieren, falls Du nicht selbst daran denken solltest. Ich habe nicht rechtzeitig erinnert. Es ist jetzt überhaupt schwer, für einen Geburtstag zu sorgen. Ich wollte ihr einen neuen Lampenschirm für ihre Tischlampe schenken, aber es gab nichts Passendes für die alte Form. Nun will ich einen machen, aber der wird nicht fertig, da das Gestell gelötet werden muß.
Sonst gehen meine Tage recht inhaltslos dahin, und mir wird ganz schwindlig beim Lesen Deines Programms. Also am Montag wirst Du nun doch in Stettin [unter Stettin] ......, nein, erst in Dresden! sein. Und Stettin einen Monat später. Es war ja mal ausgefallen, nicht wahr? Ist es denn nicht
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| garzu viel Strapaze, was Du mit diesen Reisen während des Semesters auf Dich nimmst?
Mit Bedauern höre ich von der Erkrankung der Felizitas. Sie schreibt nicht genauer, was eigentlich bei der Operation gemacht wurde? Und daß Anderl das überhaupt nicht erwähnte!! Es ist doch eine seltsame Familie. - Felizitas hat recht, das Leben ist oft unbegreiflich. Man kann nur seinen eigenen Anteil möglichst klar nach dem inneren Kompaß ausrichten. Je weniger äußerlich geschieht, desto besinnlicher wird das Gemüt.
Die andre Beilage Deines Briefes hat mich also nun veranlaßt, nachzuforschen. Erst fragte ich den Hausmeister der Zahnklinik, der mir bekannt ist. Er kannte den Betreffenden, wies mich aber an die Verwaltung und von dort schickte man mich in die Psychiatrische. Gleich der Pförtner wußte Einzelheiten, da er im Amt der Nachfolger war, und zwar seit 14 Jahren. Er beschrieb mir den Mann als eine im Stadtviertel bekannte Gestalt, immer gebückt gehend, durch einen Bruch behindert. Er brachte mich dann zum Rentamtmann ins Bureau. Der war auch sofort im Bilde, erkundigte sich aber natürlich nach dem Grund meiner Nachfrage, und als er hörte, daß der Bittsteller ohne jede Beziehung zu Dir sei, meinte er: da würde er nicht drauf eingehen. - Aber er erzählte dann im Einzelnen: er selbst hätte ja Weihnachten von der Universität aus ein Geschenk für den Mann vermittelt und ihn bei der Gelegenheit persönlich kommen lassen. Er sei ohne alle Familie, an sich sehr sauber und ordentlich. Er habe im Monat nach Abzug
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| von Miete etc. etwa 45 M zum Leben. Ein Versuch des Rentamtmanns bei der Fürsorge eine Erhöhung zu vermitteln, sei fehlgeschlagen. Nach der Beschreibung scheint er so etwas diensteifrig und beflissen zu sein, er passe nicht in die "heutige Zeit", (Herr Rentamtmann trägt das Abzeichen), aber er sei "grundanständig". Vielleicht könne man ja betont einmalig etwas schicken. Es tat dem Herrn offenbar leid, ganz abzuraten, denn natürlich ist der Mann dürftig dran und tatsächlich nicht erwerbstüchtig. - Was nun? soll ich mal selbst in die No 81 gehen und das Objekt betrachten?
In der Zahnklinik hat es mal einen Dr. namens Spr. gegeben, Vielleicht meint ja dieser Briefschreiber, das wäre jetzt der Professor in Berlin. Jedenfalls fand man die Tatsache dieser Briefe [über der Zeile] an Dich doch recht erstaunlich.
Die Tätigkeit von Susanne für Wolfgang Scheibes hat mir jetzt ein Brief von Lili abgeklärt. In den andern Städten muß man halt die Karten selbst abholen. -
- Du meinst, die Jena-Reise solle sich lieber bis in den März hinziehen, aber ich bin besorgt, daß bis dahin die Reiseschwierigkeiten wieder größer werden, da dann vermutlich allerlei Truppenverschiebungen stattfinden. Na, es hängt ja nur teilweise von mir ab. Augenblicklich allerdings könnte ich nicht fahren, denn komischerweise ist das Gehege meiner Zähne auch nicht in Ordnung. Nachdem ich mit Teilnahme von Deinem Manko vernommen hatte, entdeckte ich eines Morgens bei mir eine Lücke. Ob ich das abgebrochne Stück verschluckt habe - ich weiß es nicht. Aber es ist leider nötig, die ganze Platte zu erneuern, denn mein Kiefer hat sich etwas verändert.
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Du fragst nach der Begründung für die Autorschaft von Rembrandt für die kleine Radierung. Du wirst mit einer Lupe am unteren Rand den Namen geschrieben finden. Das könnte ja nun auch Fälschung sein, aber das Ganze hat etwas von seiner Handschrift.
Dank für den kleinen Bericht aus der Allgemeinen über die Weltfrömmigkeit. Die Schrift selbst hatte ich zum Lesen beim letzten Zusammensein mit zu Schoepffers genommen; und fand natürlich große Anteilnahme. Leider mußte ich mittendrin fortgehen, da ich mal wieder solch einen krampfhaften Husten habe, der mich immer einen Erstickungsanfall fürchten läßt. Der Husten ist hier sehr verbreitet, aber nicht jeder hat die unangenehme Beigabe.

31.I. Am Mittwoch war der Vorstand zum Mittagessen bei mir. Frau Buttmi hatte ein Stück Kalbsbraten spendiert. Der Mann war aus Frankreich da. Und morgen, am 1. ist Vorfeier des allerhöchsten Geburtstages bei mir, ebenfalls zum Mittagessen und zum Kaffee kommt Frl. Mathy mit Schwester und Nichte. Sonntags wird sie dann im Heim gefeiert. - -
Wir sind jetzt schon so lange an die ungestörten Nächte gewöhnt, daß es uns spanisch vorkommen wird, wenn es wieder anders ist. Nur gut, daß die kälteste Zeit vorbei ist. Ich wünsche Dir gute Fahrt und angenehme Eindrücke in Dresden. Ich freue mich, es auch zu kennen. Vielleicht begegnet Dir dort Cläre Wendling, nur noch ein Schatten durch Überarbeitung, aber von feurigem Temperament wie Rösel auch. -
Viele Grüße an Susanne und Dich.
Treulich
Deine
Käthe.