Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. März 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6.III.1941.
Mein geliebtes Herz!
Wie hast Du nur dieses entzückende "Deutsche Bilderbuch" aufgefunden? Ich finde es ganz reizend, und in das Bild des Töchterchens "Fideken" bin ich einfach verliebt. Ich habe ja lange warten müssen bis die Post mir diese Freude zustellte. Am Sonnabend, als ich abends nach Haus kam, lagen auf meinem Kleiderschrank vor der Tür 2 Päckchen!! Es ist wirklich ein Zufall, wenn ich so etwas auch finde, denn wer guckt denn für gewöhnlich auf den Schrank? Aber so wurde es eine richtige Sonntagsfreude und ich danke Dir sehr herzlich dafür. Es ist doch eigentlich unverständlich, daß man s. Z. die feine und liebenswürdige Kunst dieses Ludwig Grimm in Cassel so völlig totschwieg. Ich hatte nicht einmal von seiner Existenz gehört. Allerdings mag ja das, was in diesem Buch gezeigt wird mehr nur der Privatmann sein, und sein eigentliches Kunststreben im Anschluß an die Nazarener war wohl weniger glücklich. Seine große Begabung war offenbar die Porträtzeichnung, aber weder sein zarter Farbensinn noch seine feinfühlige
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| Linienführung waren für Wandgemälde geeignet. Davon hat man wohlweislich in diesem Buch keine Probe gegeben.
Auch das Büchlein von Susanne entzückt mich sehr. Ich kam von einer einsamen Wanderung an der Bergstraße, im Abenddämmern bei Vogelsang von allen Seiten, und da las ich mitfühlend: "Ach welch ein Tag! - Welch Frühlingsseligkeit in allem! - -" Aber ich danke Susanne noch selbst.
Daß Du wieder eine richtige Schreibhülfe hast, freut mich sehr. Und daß Stettin abgesagt hat, ist mir auch lieb. Aber was machen die denn immer für vergebliche Anfragen? -
Immer wieder fällt mir ein, was Du aus Partenkirchen hörtest. Und dabei merke ich so recht, wie harmlos ich trotz meiner hohen Jahre geblieben bin. Auf solch einen Verdacht wäre ich nie gekommen, wohl aber fiel mir auf, daß keine Krankheit genannt wurde und da lag mir der Gedanke an etwas Bösartiges nahe. Aber nicht so! Eine wirklich tiefere Beziehung ist damit aber doch für Dich nicht gestört, die bestand doch nur mit Frau Witting, und der Charakter der Tochter war Dir doch schon lange kein Problem mehr! Auch von irgend
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| einem Einfluß konnte man wohl niemals reden. Der wäre ihr unbequem gewesen. Es ist wohl ein Fehler, daß F. nicht rechtzeitig zu einer Heirat kam. Das hätte sie gebraucht.-
- Morgen denke ich zu hören, ob Adele nun wieder direkte Nachricht von dem Sohn aus Sofia hat. Nun ist ja auch für die Beförderung von Heinz kein Hindernis mehr! - Wir lesen eben an den Nachmittagen mit Schoepffers ein Buch von Bainville über Frankreichs Kriegswillen. Und ich für mich abends: Dichtung und Wahrheit, das mir wieder völlig neu ist; denn es sind Jahrzehnte her, daß ich es las.
Die W. F. findet überall ein dankbares Echo. Schoepffers brachten mir gestern eine Besprechung mit von einem Herrn Eberhard in einem Pfarrerblatt, der als Motto ein Wort vom kleinen Scholz darüber setzte, und mit vielen Citaten einen recht schwerfälligen Satzbau zuwege brachte, aber zu einem schönen und verständnisvollen Schlußsatz gelangte. - Ich freue mich, wenn Du mir von den betreffenden Briefen was schicken willst! -
Wie hat Dir das unbewußte Bild gefallen, das ich Dir neulich mitsandte? Das ist noch im
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| Sommer 39 gemacht. Wenn ichs betrachte, höre ich immer noch die Gesellschaft neben mir mit dumpfer Stimme den Kanon singen: "Wer bringt mich ans andere Ufer? - - " und meine stille Verwunderung, daß sie den Doppelsinn garnicht merkten, ließ mich schmunzeln.
Meinen alten Patienten geht es mal wieder etwas besser, sowohl Frau Ewald als Frau Drechsler. Auch der Vorstand ist wieder unternehmungslustig. -
Hoffentlich ist bei Euch ebenso freundliche Vorfrühlingsstimmung wie hier, wo schon die gelben und blauen Ostereier der Krokus' überall ausgestreut sind. Auch ebenso ruhige Nächte wünsche ich Euch herzlich mit vielen treuen Grüßen und nochmals innigem Dank.
Deine
Käthe.