Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. März 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. März 1941.
Mein Liebstes,
es wäre gewiß auch in diesem Jahr möglich, an einem sonnigen Abhang blühende Anemonen und Veilchen zu finden. Aber ich habe keine Zeit und Gelegenheit, sie zu suchen. Im ganzen ist aber dies Jahr in der Vegetation noch zurück, ich habe noch keine blühenden Mandeln gesehen. Hoffen wir also auf eine von Frost freie Obstblüte.
Mir ist, als hätte ich seit Ewigkeiten nichts von Dir gehört. Bei Frl. Drechsler sagte man, daß der Bruder schrieb, dein Vortrag sei doch gewesen. Aber vielleicht ist das ein Irrtum. - Und am 10. hattest Du in Hamm zu sprechen. Nun ist dann hoffentlich mal eine Pause mit Vortragsreisen!
Wie war es wohl mit Schiller? Ich habe mir im Gedanken an Dich mehrmals die Gedichte vorgenommen und fand mich eigentlich etwas gequält dabei. Es scheint mir eine gewaltsame Reflexion und eine Häufung von Wissen - "daß der entjochte Mensch jetzt seine Pflichten denkt" - wo Goethe aus innerer Notwendigkeit - ich möchte sagen: naturhaft, unterbewußt zum Resultat kommt.
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| Ganz durchdrungen ist er von der Symbolik der griechischen Bilderwelt - ja, alles wird ihm zum Bilde, es ist selten ein unmittelbares Gefühl. Vielleicht lebt er recht eigentlich nur den allgemeinen Sinn - ich möchte beinah sagen: historisch, menschheitlich. Der ganz tiefe Wesensunterschied zwischen ihm und Goethe tritt ja auch in ihrem Briefwechsel so stark zu Tage. Ich bin ihm fremd geworden und finde das eigentlich undankbar von mir. Denn wie schön ist allein "die Glocke".
Wie magst Du Dich zu dem Thema gestellt haben? Wie war es überhaupt gefaßt?
Ungern weiß ich Dich in diesen ausgesucht schönen Tagen so mit Arbeit überhäuft. Man kann dies Wetter leider nicht für die Ferienzeit aufbewahren! Aber vielleicht ist der Sonntag doch diesmal für einen Ausflug frei? - Ist Kotsuka da? Und wie steht er zum hohen Besuch seines Ministers?
All der warme Sonnenschein soll Dich von mir grüßen und Dir freundliche Gedanken bringen. Immer in innigem Gedenken
Deine
Käthe.