Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. März 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg, 30.III.41.
Mein geliebtes Herz!
Ein sonniger Sonntag - da könnte es wohl keinen besseren Tag geben zu einem Briefe an Dich! Hoffentlich lockt er Euch einmal wieder ins Freie, wenn auch vorläufig noch wenig vom Frühling zu sehen ist. Nur die Vögel sind unentwegt und erhalten uns den Glauben an kommende linde Lüfte. - Ihr habt aber schrecklich lang in Berlin gelesen! Hier waren schon die ganze Woche über Ferien. - Daß die Reise nach Hamm so am Semesterende zu viel war, konnte ich mir denken. Aber jetzt, bitte ich Dich herzlich, sorge ernstlich für eine freie Woche. Wenn Du nur willst, dann geht es schon. Andre erklären auch einfach: dann und dann bin ich nicht anwesend!
Daß Du mir trotz der Übermüdung so getreu schriebst, danke ich Dir sehr innig. Daß Du auch mit der Feder zu kämpfen hattest, ist drollig, denn schon seit Jahr und Tag möchte ich meine Füllfeder verwünschen, aber ich fürchte, man bekommt nichts Besseres. - Mit Schiller habe ich mich viel beschäftigt; das heißt nur mit dem Dichter, insoweit die Weltanschauung zum Ausdruck kommt. Und das hat mich auf die ersten Zeiten unsrer Korrespondenz geführt, auf die drei Typen
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| Diltheys, von denen Schiller den reinen Idealismus der Freiheit vertritt. Es ist in ihm der große enthusiastische Antrieb, aber gestaltet sich zum Denkresultat. Das war es, was ich bei ihm als so schwer zugänglich finde, im Gegensatz zu Goethe, der uns den Weg des Lebens führt. Und gestern fand ich bei Meinecke die Bestätigung dieser Ansicht, als ich mit Frau Buttmi den Spaziergang und anschließend seine Betrachtungen darüber las. Wie gern wüßte ich wohl, was Du aus Deiner Beschäftigung mit Schiller für Resultate gewonnen hast. - In Schiller ist noch ein unversöhnter Dualismus, und Meinecke bezeichnet den Ausklang des Gedichts als "über sich Hinauswachsen". Es mutet ja auch etwas unbestimmt und unmotiviert an. Aber Schiller starb in der Mitte seines Weges, und wie alt war Goethe, als er den Faust schrieb!
- Da fand ich nun kürzlich beim Blättern in dem Buch von Langbehn "Rembrandt als Erzieher" den Ausspruch: Hamlet ist edler als Faust, denn er läßt die Tragik bestehen. (nicht wörtlich so.) Aber löscht Goethe sie denn aus? Er weiß nur von einer alles überwindenden Liebeskraft. -
Gestern war ich mit Adele Henning und ihrer Schwester Marie Rabl zusammen und beide waren recht guter Stimmung, nachdem ich sie vorige Woche sehr kratzbürstig antraf. Adele wird recht unbehülflich, sie stürzte sogar in der Hauptstraße, nimmt es aber
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| übel, wenn man ihr helfen will. Auch hört sie zunehmend schwer, was vielleicht durch das viele laute Radio gesteigert wird. Es wirkt überhaupt sehr wenig günstig auf sie. - Bei vielen meiner Bekannten muß ich überhaupt jetzt oft im Zweifel sein, ob das mangelnde Verständnis zwischen uns im Ohr oder im Verstand liegt!
Daß Kotsuka Euch so menschlich nahe kam, ist hübsch. Der ist sicher durch den Umgang mit Dir aus seiner japanischen Starrheit herausgelockt. Ich wollte schon immer fragen: Ist der Becker, dessen Kolonialpädagogik von Dir rezensiert wurde, der Bekannte aus Tokio? - Wenn Kotsukas Reiseplan jetzt gestört ist, dann wird er eben warten müssen, bis "wir" ihm den Weg freigemacht haben. Das kann ja garnicht fehlen! - Was wollte denn Hellpach von Dir? Man begegnet ja jetzt hier mancher gefallenen Größe. So sah ich gestern Prof. Hoffmann, zuweilen Anschütz, selten Marianne Weber.
Umso häufiger redet man mir von der W.Fr. Hedwig Mathy erzählte, daß Pfarrer Höfer bei dem Zusammensein der Damen im Gemeindesaal zum Nähen den Vortrag vorgelesen hat. Sie war sehr erfreut darüber, obgleich sie ihn durch mich schon kannte. Denn man kann nie auf einmal in all das eindringen, was Du zu sagen hast.
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Ich schrieb Dir wohl noch nicht, was mich vor kurzem so sehr erschütterte und was mich immer wieder schmerzlich bewegt: mein Vetter Hans, den Du von Griesbach her kennst, hat seinen Sohn als Leutnant der Luftwaffe im "fernen Süden" verloren, während der ältere Sohn vor Jahren in der Ostsee ertrank. Nun haben sie nur noch eine Tochter. Die Anzeige und der gedruckte Dank sprachen nicht von der üblichen Begeisterung sondern nur von Pflichttreue und Schmerz, sind aber umso ergreifender.
Hoffentlich hast Du den Schnupfen, von dem Du mir schreibst, rasch wieder abgelegt. Daß Ihr des Löschens wegen jetzt nicht mehr das Haus verlassen könnt, ist aber arg. Was habt Ihr denn überhaupt für Abwehrmittel? Bei uns im Hause ist außer dem Eimer Wasser vor der Tür nichts.
Wo hat denn Frl. Geppert das Gingoblatt jetzt im Winter aufgetrieben? Und warum hat sie mich denn nicht besucht?
Nachher will ich wieder bei dem Ehepaar Heinrich versuchen, ob die Philharmoniker sich hören lassen. - Ein Cello-Abend von Hoelscher war im Programm weniger anziehend, so wunderbar auch der Ton seines Instruments ist. Schade, da ich so selten abends ausgehe!
Nun wünsche ich noch, daß Ihr so ungestörte Nächte habt wie wir und grüße Euch herzlich. In treuem Gedenken immer
Deine
Käthe.