Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. April 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. April 1941.
Mein geliebtes Herz!
Gestern ist das Se[über der Zeile] Trimester schon bald seit zwei Wochen zuende. Wie magst Du es beschlossen haben und welch wichtige Arbeiten hindern Dich an erwünschterer Tätigkeit? Daß Ihr nicht an eine Reise denkt, ist nach hiesigem Wetterbefund kein Unglück. Heute war es ganz ausgesucht abscheulich, böiger kalter Nordwind mit Regen. Da bleibt man gern zuhause. - Ob Ruges es besser haben? Sie sind zur Feier ihrer Silberhochzeit mit den beiden jüngeren Töchtern in Patsch über Innsbruck. Hoffentlich sitzen sie da nicht in der Patsche! - Ich habe natürlich wieder nicht rechtzeitig daran gedacht und in Ermanglung von einem metallischen Wertgegenstand meiner Schwester Dein neustes Büchlein geschickt. Das ist in meinen Augen mehr wert. Ich habe überhaupt zahllose Abnehmer dafür und höre hier mit Freude, wie eifrig es gelesen wird. Es ist immer verkauft. Ich allein habe schon 8 Exemplare, aber das langt noch nicht! - Zu meinem Erstaunen bekennt sich besonders die Theologie dazu, obgleich sie doch darin überboten wird. Ein Geistlicher soll auf der Kanzel davon gesprochen haben, er ist ein D. Chr., aber auch andere reden davon. -xxx Wenn es morgen nicht ganz so abscheulich ist, wie heut; beabsichtige ich zur Passionsandacht bei Pfarrer Maas zu gehen. Das ist um 6 Uhr abends. - Auch gestern war ich in der Kirche, zur Matthäuspassion in der schönen Peterskirche. (Die "Heiliggeist" ist uns ja leider verschlossen.) Die Musik war wieder ergreifend schön,
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| obgleich die Aufführung manche Mängel hatte, vor allem die Solisten. Aber der Baß war herrlich, und das ist ja eigentlich die Hauptsache. Das war wirklich weihevoll und erschütternd. - Vor mir saß Marianne Weber, die auch recht alt geworden ist. -
Solch eine Feierstunde entrückt dem Kampf des Tages. Aber dann macht er sich wieder umso bemerklicher. Das Erwartete ist nun also eingetreten; immer weiter dehnt sich der Bedarf an Menschen. Heinz war ja schon länger auf den Einsatz in jener Gegend gefaßt; noch habe ich aber keine Nachricht. Was hört Ihr von Euren Kriegsteilnehmern, vor allem von dem erkrankten Neffen? - - Ob Kotsuka im Anschluß an Matsuoka abreist? "Von Anhalter Bahnhof" steht da - aber wohin? - Als nämlich bei Euch die kleinen Brände waren, soll es um den Nollendorfplatz kräftiger zugegangen sein. Ich erfuhr von einer Dame, deren ganze Wohnung zerstört ist. Das kann natürlich jedem von uns geschehen; man wartet förmlich darauf! - -
Von Schiller komme ich noch nicht los, immer wieder klingt in mir die Naenie - und dann die Worte des Goetheschen Nachrufes: hinter ihm im wesenlosen Scheine - - - Das ist es, was man vor allem empfindet. Für ihn lebte das Wesen der Dinge, des Lebens in bilderreicher Schau, aber ohne Verklärung - nicht Verheißung, sondern Forderung, ein Seinsollendes. - Verzeih diese unnötigen Betrachtungen. Es ist doch nur so sonderbar, daß dieser nach dem Höchsten Strebende so viel weniger Christ ist als der alte Heide Goethe.
- - Jetzt hat Susanne wieder Marken verteilen müssen. (Hier holt man sie sich selbst!) Grüße sie herzlich und mache Dir mit ihr schöne Ostertage. Auch Dir viel innige Grüße von
Deiner
Käthe.

[li. Rand] Am 14.wird Vater Welte 81 Jahre.