Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. April 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14. April 1941.
Mein geliebtes Herz!
Dein großer Osterbrief kam, wie Du von Susanne hörtest, sehr pünktlich und hat mich durch seine Ausführlichkeit sehr erfreut. Aber daß Du trotz der Erkenntnis, wie nötig es wäre, nicht die mindesten Ferien machen kannst und willst, ist mir recht schmerzlich. Dazu nun diese wiederholten Nachrichten von den starken nächtlichen Angriffen auf Berlin! Mit einem Gefühl unverdienter Bevorzugung wache ich immer nach jeder ungestörten Nacht auf. Und Angriffe von solcher Heftigkeit wie Ihr hatten wir hier überhaupt noch nicht. Wo haltet Ihr Euch denn bei solchen Vorkommnissen jetzt immer auf? Doch hoffentlich nicht am Fensterladen!
Nach einem verregneten Ostersonntag ist heute wunderschöne Sonne und alles wandert spazieren. Man hört muntere Kinderstimmen, sonst geht alles sehr gedämpft vor sich. Dabei wäre ja Grund genug zum Siegesjubel! - Ich wollte mir den Vorstand zum Kaffee herholen, aber sie war schon anderweit engagiert. - Meinen Osterspaziergang will ich mit Frl. Mathy erst am Mittwoch machen. Wir scheuten den Festtagsver
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|kehr auf der Bahn. Alles wimmelt von Soldaten, teils in Ausbildung, teils auf Urlaub.
Am Charfreitag war ich zu einer liturgischen Andacht mit schöner Musik in der Peterskirche. Aber da kam ich innerlich wieder mit dem "stellvertretenden Leiden" in Konflikt. Sonst war es schön und andächtig. Die ausgewählten Bibelworte aus den Psalmen gaben gewissermaßen ein prophetisches Bild der Passionsgeschichte, und dann dies Evangelium Johannis bis zu den politischen Worten des Pilatus: "Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben." - Da stand ein Bild der damaligen irdischen Welt vor Augen. Da ist auch die unerbittliche Tragik - und scheinbar ein Erliegen. Aber von diesem Tode ist ein neues, weltbewegendes Leben ausgegangen - was sind das für Worte, die aus dem heutigen Leiden und Sterben entstehen sollen? Wir können nur dem Weltgeist vertrauen.
Meinst Du wirklich Goethe habe auch im Faust die Tragik ausgelöscht? Die Kerkerscene und der Tod im zweiten Teil? Ist nicht beides irdisch gesehen absolut tragisch? Aber da ist eine geistige Kraft der Überwindung, bei Goethe psychologisch aus dem Innern des Menschen, was für Schiller aus der sittlichen Weltordnung kommt.
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Ein für mich sehr fesselndes Bild vom Getriebe der irdischen Kräfte gibt das Buch von Margret Boveri: Weltgeschehen am Mittelmeer. Da sieht man wirklich wie in einen Hexenkessel, dieses Hin und Her der Machtentfaltung. Der Prediger Salomo hat recht: "alles ist eitel, - es ist alles ganz eitel!" Aber er bringt es damit nur zum Stoiker! - Wie ist es doch schon zu unsrer Zeit immer mit dem Balkan? Immer klingt mir bei dem abendlichen Vogelkonzert das Verschen aus der "Jugend" Ende der 90er Jahre im Ohr: Schon singt auf den knospenden Birken - die Amsel mit Vehemenz - ach, ohne die Griechen und Türken - wie wonnig wäre der Lenz. - - Das Buch der Boveri ist ruhiger, nicht so geladen mit leidenschaftlicher Tendenz wie Bainville, und mir darum nicht so deprimierend. Denn man erträgt leichter den Konflikt objektiver Kräfte, als das unheimliche Gären eines eingewurzelten Hasses, der durch die letzten Ereignisse nur gesteigert sein kann.
- Morgen hoffe ich eine Nachricht über Eure nächtlichen Erlebnisse zu bekommen. Könnten wir nicht irgend etwas verabreden, wie ich Auskunft bekäme, wenn ich durch Berichte in Sorge bin? Z. B. könnte ich mal abends nach 7 telefonisch anrufen, ich würde so sehr gern mal wieder Deine Stimme hören! - Wie erinnern mich doch all die aufgewickelten Kastanienknospen an die Frühlingstage auf der Reichenau. Von meinem Fenster sehe ich oben am Waldesrand
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| einen Blütenbaum so schneeig weiß, wie eine Wolke. Auch sonst kommt jetzt alles heraus trotz der Kühle.
Wenn nicht das Verpacken ohne das nötige Material solche Schwierigkeiten hätte, dann würde das Päckchen mit den Cigarren wohl schon zu Ostern bei Dir gewesen sein. Aber das kostbare Gift soll doch womöglich unzerdrückt zu Dir kommen und es fehlt an geeigneten Hüllen. - Wie es mit dem Preis ist, mußt Du mal kontrollieren. Ich glaube, es kann stimmen, wie ich es aufschrieb. Du siehst, ich helfe Dir von dem Gelde, was Dir zu viel im Beutel bleibt.
Hoffentlich geht der Schnupfen bei gelegentlich dem milderen Wetter jetzt ganz weg. Ich habe auch immer noch Reste von der Grippe im Kehlkopf sitzen. Im Ganzen aber geht es mir gut und ich würde Dir gern davon abgeben.
Mit vielen sehr herzlichen Grüßen und guten Wünschen
Deine
Käthe.