Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2. Mai 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 2. Mai 1941.
Mein geliebtes Herz!
Nun hat es doch länger mit diesem Schreiben gedauert, als meine Absicht war. In Dielbach kam ich natürlich nicht dazu, und nach der Heimkehr war erst Großreinmachen und sonstige häusliche Freuden, so gingen die Tage im Fluge vorbei. - Mit Betrübnis erfuhr ich durch die Karte aus Freienwalde, wie wenig das Unternehmen geglückt ist. Soweit das Wetter in Betracht kam, war es bei mir ebenso, aber ich hatte den Vorteil der Geborgenheit in einem behaglichen Heim. Und am Montag, an dem ich abends wieder abfuhr, konnte ich sogar zweimal mit den Kindern einen kleinen Spaziergang machen. Am Sonntag dagegen war es abscheulich und morgens lag Schnee am Katzenbuckel.
Habe Dank für den Kartengruß und für den vorherigen Brief mit Einlage. Das ist freilich eine Sache, die man mit viel Nachdenken betrachten muß. Man meint erst, eine Fatamorgana zu sehen; aber dann fühlt man die Kraft, die von solchem Wunschbild ausgehen kann, es wacht ein neuer Glaube auf an die unerschöpflich gestaltende Ordnungskraft des Lebens. Es müssen wohl überlebte Formen bis auf den Grund vernichtet werden, damit neues Leben wachsen kann, und da heißt es diese Keimzellen, diese "Vegetationspunkte" bewußt machen, damit sie zur Entfaltung kommen. Es ist schön zu ahnen, daß hinter aller erschreckender Willkür doch ein ordnender Sinn
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| waltet. Und es ist schön, andre auf diesen Weg zur Erkenntnis zu leiten!
In Dielbach habe ich mit Otto Kohler ein gutes Einverständnis gehabt und mich am Familientisch für Augenblicke in glücklichere Tage zurückversetzt gefühlt. Otto ist jetzt "auf Widerruf" entlassen, nicht beurlaubt. Hoffentlich bleibt es dabei, daß der andere Lehrer dauernd ins Elsaß geht und nicht dadurch noch eine Änderung kommt. - In der Nacht zum Mittwoch hatten wir mal wieder Besuch; es gab allerlei Brände, aber nur eine große Feuersbrunst in einem Holzlager. Man sah es von unserem Haus, nachdem die Flieger wieder fort waren, noch höher als der Wasserturm gen Himmel lodern. Sonst sind weder Menschen noch Sachen zu Schaden gekommen und nach zwei Stunden konnte man wieder einschlafen.- Von Häbler hatte ich nach sehr langer Zeit mal wieder ganz gute Nachricht. Wie mag es Familie Louvaris gehen? - Von Martin Schöpff habe ich jetzt die Dokumente über meine Ahnen vollzählig zurückerhalten. Bist Du nun auch damit in Ordnung gekommen? Warum ist denn die Großmutter Spranger so schwer erreichbar? - Die häufigen Nachrichten von Einflügen in Außenbezirke Berlins beunruhigen mich immer. Hoffentlich stören sie nicht zu oft Eure Nachtruhe, denn jetzt geht ja auch die Semesterarbeit wieder an. Meine Hoffnung, daß Jena mir einen Abstecher nach Berlin ermöglichen würde, scheint vergeblich. So immer für heut wieder aus der Ferne <li. Rand> innige Grüße. Bald kommt auch mal wieder was Rauchbares. Aber Orginalpackung gibts nicht mehr, es wird immer bescheidener. - Grüße auch Susanne herzlich.
<Kopf>
Wie immer
Deine
Käthe.