Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. Mai 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 11. Mai 1941.
Mein geliebtes Herz!
Es wäre wohl mancherlei, worüber man gern sprechen würde, aber dazu ist leider keine Aussicht. Und Schreiben ist doch so schwierig und umständlich! Was soll ich auch von hier erzählen? Mein Dasein ist ereignislos und die nächtlichen Unterbrechungen des gewohnten Verlaufs sind Euch ja aus eigner Erfahrung bekannt. Wir, resp. Mannheim, haben nicht die Ehre, im Rundfunk erwähnt zu werden, und wir können glücklicherweise daraus entnehmen, daß die Eingriffe nicht von solcher Wichtigkeit sind, wenn sie auch recht beträchtlich erscheinen. - Und der Frühling will noch immer nicht kommen, die Erde steht geschmückt bereit, aber es bleibt kalt und stürmisch, trotz häufigem Sonnenschein. Ob Ihr heute, am Sonntag, mal wieder fortgehen konntet? Mir tut es so leid, daß eigentlich doch garnichts an Ferien herausgekommen ist. Prof. Seidel wird mit seiner Frau zu Pfingsten mit dem früheren hiesigen Ophtalmologen zusammen nach Freudenstadt gehen. Und Ihr? -
Es beschäftigt mich viel das Schlußwort in dem kleinen Aufsatz von dem "Mithandeln, wagen und gestalten". Ist der Einzelne dazu fähig? Bleibt es nicht mehr eine innere Bereitschaft? Vielleicht ist es schon
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| in Beginn, wenn [über der Zeile] man einsieht, daß eine Wandlung kommen müßte; daß zerstört werden muß, um neu zu bauen. Zunächst kann sich das Gemüt doch schwer damit abfinden, wenn der Staat fühllos über jegliches menschliche Empfinden hinweggeht. Es ist schwer einzusehen, daß Staatsmoral nicht erhöhte Individualmoral ist, sondern etwas ganz Anderes. Aber darf sie allein herrschen? Und heiligt hier der Zweck die Mittel?
Es laufen hier allerlei vielversprechende Filme: "Carl Peters", "Ohm Krüger", - und Willy Birgel, den ich so gern sehe, in "reitet für Deutschland". Ich nehme mir dann vor, mal hinzugehen und - dabei bleibt es. Auch die geplante Großputzerei ist wieder abgeblasen, da gestern mein Wirt erklärt hat, es solle allerlei in der Wohnung verputzt und gestrichen werden und das würde dann natürlich wieder argen Schmutz mit sich bringen. Aber ich selbst habe mein großes Blumenbrett und das gänzlich von Farbe entblößte Dachfenster im Badezimmer gestrichen, denn ich konnte es nicht mehr mit ansehen. Seit dem 16. April habe ich die Heizung abgedreht, denn der Wirt wollte mir noch weitere 10 M dafür ankreiden. Und ich lebe seitdem bei durchschnittlich 12° R, was nicht weniger ist, als meist im Winter bei Heizung. Die Sonne wirkt doch schon mit und meine Fenster fangen jeden Strahl auf. - Möchtest auch Du außen und innen jeden Sonnenstrahl wahrnehmen, der das Dasein erwärmt. Und so grüße ich Dich mit vielen innig warmen Grüßen. Viel Liebes auch an Susanne von
Deiner
Käthe.

[Kopf] Ich schicke gleichzeitig wieder ein Päckchen. Eingeschrieben reist es als Brief und wird weniger rauh behandelt.
[li. Rand] Ist die Berufung von Dr. Günther jetzt definitiv? Ich würde ihm gern gratulieren und habe Grüße für ihn aufgetragen bekommen. Selbstverständlich habe ich nichts über die Sache gesagt.

<Add, S. 1, Fuß, Handschrift nicht identifiziert>
wirklich ästhetisch moralisch
schön erhaben
reine Natur reine Natur reine Natur
rohe Natur