Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. Mai 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16.V.1941.
Mein Liebstes!
Draußen ist ein milder, stiller Abend von wundervoller Klarheit, so recht, um nach den Hunden auf der Straße zu sehen! Zart und licht stehen die bläulichen Berge vor dem rötlichen Abendhimmel und die Sonne ist am Horizont schon weit im Norden untergegangen. Alles ist voll von täuschendem Frieden. Wie wirds in der Nacht sein?
Ich kam erst spät heim von Adele, die seit einer Woche schwer krank ist. Es ist eine Lungenentzündung, das Mädchen und eine Krankenschwester sind ständig da, der Sohn aus Mannheim bleibt über Nacht hier und am Tage so viel, wie seine ärztliche Praxis es erlaubt. Eine Freundin von Straßburg her und ich wechseln uns ab am Krankenbett, damit sie nicht mit Fremden allein bleibt. Sie ist nicht viel bei Bewußtsein, hat immer die Augen zu und war anfangs von einer beängstigenden Unruhe und hatte einen sehr gequälten Ausdruck. Heut erschien es mir besser, aber der Arzt findet objektiv keine Besserung und die größere Ruhe kann auch ein
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| Nachlassen der Kräfte sein. Sie reagiert viel weniger auf Anruf und wenn überhaupt, dann kommt es wie aus weiter Ferne. Ich fürchte sehr, sie wird es nicht überstehen und ich werde um diesen lieben Menschen ärmer. - So geht einer nach dem andern von uns. Wie leid tut es mir auch für Hanna, die nun selbst noch sehr der Erholung bedarf. -
Mein Wirt hatte mir neulich einen rechten Schreck versetzt, indem er kategorisch erklärte, er wolle meine Küche herrichten lassen. Dazu müßte sie ausgeräumt werden und wohin mit den Sachen?! Nun findet er aber keinen Tüncher, der es machen kann, also unterbleibt es. Die verschiedenen Risse, die im Verputz entstanden sind, stören mich wenig und sie sind nicht nur in der Küche. - Es kracht halt überall im Gebälk! - Von Walter erfuhr ich heute, daß der Neffe bei einer Notlandung in Pantelleria verunglückte. Mehr wissen sie selbst nicht.
Ich weiß, Du hast enorm zu tun, aber ich habe doch sehr großes Verlangen nach einer Nachricht. Die letzte war vom 21.IV. Inzwischen schickte ich auch (am 12.V.) mal wieder Cigarren und hoffe, daß sie gut ankamen. War schon der Akademie-Vortrag? Sollte er nicht von Schiller handeln?? - Ich grüße Susanne und Dich herzlich und wünsche Euch alarmfreie Nächte. - In stetem Gedenken mit treuen Wünschen
Deine
Käthe.